Fünf Fragen an Bahman Nirumand: Iran: „Das Land steht wieder am Scheideweg“

Fünf Fragen an Bahman Nirumand
Iran: „Das Land steht wieder am Scheideweg“

Der iranische Autor und Publizist Bahman Nirumand erlebte dir iranische Revolution 1979 persönlich. Mit dem Handelsblatt sprach er über die Ziele und Träume Revolutionäre. Heute sieht er sein Land erneut am Scheideweg.

Handelsblatt: Sie waren 1979 bei der Revolution dabei. Wollten die Iraner damals schon die Islamische Republik?

Bahman Nirumand: Nein. Es war eine euphorische Zeit. Die Monate, in denen der Schah nicht mehr regierte und Chomeini noch nicht zurückgekehrt war, war die freieste und wunderbarste Zeit für Iran. Die Revolution hatte damals die Massen hinter sich. Aber da war noch nicht vom islamischen Staat die Rede. Nur Chomeini sprach davon, und wir sind ja Moslems und waren zuerst nicht dagegen.

Wann setzte die Ernüchterung ein?

Niemand konnte sich vorstellen, dass die Geheimdienst-Gefängnisse, aus denen wir nach dem Sturz des Schahs die Gefolterten befreiten, sich in nur wenigen Monaten wieder füllten. Und dann kamen noch zwei Rückschläge: Als Chomeini erklärte, er lese die damals größte und liberale Zeitung "Ayandegan" nicht mehr. Er konnte sie nicht schließen, so weit reichte damals seine Macht noch nicht. Aber seine bewaffneten Revolutionsgarden knüppelten die Demonstrationen für die Pressefreiheit nieder. Der zweite herbe Rückschlag war, als Chomeini den Frauen verordnete, Schleier zu tragen.

Die Menschen waren also mehrheitlich gegen die Islamische Republik und nahmen sie dennoch hin?

Chomeini konnte seinen islamischen Staat erst durchsetzen, als der Irak - mit Unterstützung der USA und der Europäer - unser Land angriff. Bis dahin stand Iran am Scheideweg der Geschichte.

Steht das Land jetzt wieder am Scheideweg?

Ja. Bei den Wahlen im Juni könnten die Reformer gewinnen. Denn Amtsinhaber Ahmadinedschad hat katastrophale Wirtschaftsverhältnisse herbeigeführt. Aber wenn Revolutionsführer Chamenei nun Ahmadinedschad wieder unterstützt, könnte der dennoch wieder gewinnen.

Das wollen die Menschen?

Die breite Zivilgesellschaft in Iran ist wegen der Sanktionspolitik des Westens gespalten. Wären die Sanktionen nicht wegen des Atomprogramms verhängt worden, sondern schon eher wegen der Menschenrechtsverletzungen des Regimes, stünden die Menschen zum Westen. Jetzt wird das Regime umso stärker, je höher der Druck des Westens wird. Denn die Iraner fragen: Warum dürfen Israel und Pakistan Atomtechnik haben und wir nicht?

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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