Fukushima-Debatte
„Lebensbedrohende Atomtechnologie weltweit ächten“

Die Debatte um Fehler des japanischen Krisenmanagements in Fukushima reißt nicht ab. Deutsche Umweltorganisationen werfen den Verantwortlichen Versagen vor. Jetzt könnte internationale Hilfe für Entspannung sorgen.
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BerlinJe länger sich die Katastrophe im Atomkraftwerk Fukushima hinzieht, desto mehr wächst im Ausland das Unverständnis, warum Japan keine internationale Hilfe annimmt. Jetzt, zweieinhalb Jahre nach dem Super-Gau in Folge eines Erdbebens und Tsunamis, scheint Japan dazu endlich bereit zu sein. Hatten die Regierung und der Betreiber Tepco ausländischen Experten bislang kaum Einblick in Fukushima gewährt, erklärte Ministerpräsident Shinzo Abe nun kürzlich bei einer Tagung in Kyoto vor zahlreichen anwesenden Forschern aus dem Ausland: „Wir brauchen Ihre Weisheit und Expertenwissen“.

Der Vorsitzende des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Hubert Weiger, kritisierte die späte Einsicht und forderte Konsequenzen. „Die Vorgänge in Fukushima sind skandalös. Der Umgang der verantwortlichen Politik in Japan und des Kraftwerksbetreibers Tepco mit der Reaktorkatastrophe sind menschenverachtend“, sagte Weiger Handelsblatt Online. „Die einzige Konsequenz kann nur sein, dass die unbeherrschbare und lebensbedrohende Atomtechnologie weltweit geächtet wird, und zwar am besten sofort. Nur so können Katastrophen wie in Fukushima oder Tschernobyl künftig vermieden werden.“

Der Bundesvorsitzende der Umweltschutzorganisation Naturfreunde Deutschlands, Michael Müller, führt den „skandalösen Umgang“ mit Fukushima auf die generelle Unfähigkeit zurück, „sich vom Alten zu trennen, auch wenn es nicht mehr haltbar ist“. Man kenne zwar die Probleme, durchdringe aber ihre Tragweite nicht und sei daher auch „nicht zur Erneuerung fähig“, sagte Müller Handelsblatt Online. „Das Problematischste aber ist, dass über die großen Umbrüche unserer Zeit weder national noch international ein offener Diskurs geführt wird, der Lernprozesse auslöst und Veränderungen möglich macht. So ist das auch mit Fukushima.“

Die Probleme, mit denen die rund 3.000 Arbeiter im AKW Fukushima Daiichi täglich zu kämpfen haben, sind enorm. Da wären zum einen die gigantischen Mengen verseuchten Wassers, die durch die zerstörte Atomanlage schwappen und zum beträchtlichen Teil in den Pazifik sickern. Jeden Tag lässt Tepco Hunderte Tonnen Wasser in die beschädigten Reaktoren 1 bis 3 pumpen, um die geschmolzenen Brennstäbe zu kühlen. Wo die sich befinden, weiß bis heute jedoch niemand.

Zudem dringen weitere rund 400 Tonnen Grundwasser pro Tag in die Gebäude ein und vermischen sich dort mit dem verseuchten Kühlwasser. Daher pumpt Tepco ständig Wasser ab und lagert mittlerweile mehr als 300.000 Tonnen davon in rund tausend teils hastig zusammengenieteten Tanks. Diese reichen jedoch bald nicht mehr aus und fangen bereits an, zu lecken. Tepco will nun den Bau neuer Tanks beschleunigen und bis Ende März 2015 Platz für zusätzlich 800.000 Tonnen Wasser schaffen. Dabei geht Tepco jedoch davon aus, dass ein Filtersystem zur Beseitigung radioaktiver Substanzen normal funktioniert. Doch das ist eben nicht der Fall, das System ist in letzter Zeit immer wieder ausgefallen.

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  • Ein solcher Lobbybeitrag wird eben nur in Deutschland veröffentlicht. Die Ursachen liegen in Japan als auch in Russland eindeutig in überholter Technologie, Versagen und/oder Schlamperei bei Planung und Betrieb. Wir sollten uns besser Gedenken machen über den Anstieg der Krebsfälle und das Bienensterben durch verstärkte Überdüngung und die Pestizide durch die immer größere Ausbeutung des Bodens für Biomasse. Durch die Verdrängung der Nahrungsmittelproduktion steigen darüber hinaus die Preise. Die Energiewende schlägt sich eben nicht nur in höheren Strompreisen nieder.

  • Die Gammastrahlenexpositionen der Beschäftigten der Kraftwerke von Fukushima waren in einem Bereich der statistisch nur eine geringe zusätzliche Krebswahrscheinlichkeit erwarten lässt. Die sehr geringen Strahlenexpositionen der Anwohner spricht sehr gegen eine höhere Krebsrate. Bis auf wenige Ausnahmen liegt die Gammastrahlung in den Evakuierungsgebieten um die verunfallten Kraftwerke unter der des Schwarzwalds. So hat dann die UNSCEAR in ihrem Bericht festgestellt, dass es mit den Reaktorunfällen in Japan soviele Krebsfälle geben wird wie ohne diese auch.

    Mutationen und Missbildungen mögen ökologische Phantasien anregen. Diese treten bei radioaktiven Expositionen auf die wesentlich höher sind als solche die Krebs auslösen können. Es sind nicht mehr Mutationen zu erwarten als ohne die Reaktorunfälle auch.

    Die Menschheit hat einige 10.000 to radioaktiver Abfälle im Meer versenkt. Flüssige radioaktive Abfälle dürfen und werden weiterhin im Meer versenkt. Die Weltmeere enthalten von Natur mehr als 70 Mrd. to radioaktiver Stoffe. Der Mensch hat bislang keinen nennenswerten Einfluss genommen.

    Vandale

  • @Beratung
    ...keine Sorge, die Toten werden noch kommen, weil sich die Zahl der Krebserkrankungen erhöhen wird. Zudem wurden eine ganze Reihe der unmittelbar nach dem GAU eingesetzten "freiwilligen" stark verstrahlt. Daneben sind rund 5.000 Quadratkilometer mit allen Ortschaften und wertvollem Ackerland erst einmal auf unbestimmte Zeit verloren,- aber das sind in ihren Augen sicherlich auch Peanuts- schließlich ist es ja bekannt, das die Technologie Risiken birgt. Von kontaminierten Grundwasser und auch Meerwasser abgesehen. Die wirklich unsägliche Hilflosigkeit mit der die Verantwortlichen Betreiber dem Geschehenen begegnet sind (in Tschernobyl war es nicht viel anders) und nach Jahren immer noch begegnen müssen, ist allein Grund genug sich von dieser Technologie zu verabschieden.

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