Fukushima – eine Bestandsaufnahme
Japans unbewältigte Katastrophe

Vor sechs Jahren lösten ein Erdbeben und ein Tsunami in Japan eine Atomkatastrophe aus. Die Regierung will den Bewohnern eine Wiederbelebung der Atomkraft verkaufen. Doch die Japaner wehren sich – mit stillem Widerstand.
  • 0

TokioMasahiro Imamura hat einen undankbaren Job. Als Minister für Wiederaufbau ist er dafür zuständig, die Japaner von der Überwindung der Atomkatastrophe zu überzeugen, die genau vor sechs Jahren mit einem Megaerdbeben und einem Riesentsunami ihren Anfang nahm. Doch schon das Ausmaß der damaligen Katastrophe macht klar, wie groß seine Herausforderung ist.

Am 11. März 2011 erschütterte ein Erdbeben der Stärke 9 auf der Richterskala den Inselstaat. Eine riesige Wasserwand rauschte danach auf Japans Nordosten zu, zerstörte auf 350 Kilometern Küste Ortschaften und riss 15.000 Menschen in den Tod. Auch beim Atomkraftwerk Fukushima 1 mehr als 200 Kilometer nördlich von Tokio überspülten die Fluten eine hohe Schutzmauer und zertrümmerten Rohre, Gebäude und die Stromversorgung.

In drei der sechs Meiler schmolzen die Kerne, Wasserstoffexplosionen zerstörten Reaktorgebäude. Eine radioaktive Wolke zog erst nordwestlich über die Präfektur Fukushima, um dann nach Süden abzubiegen. Selbst im Nordosten Tokios gab es Hotspots mit erhöhter Strahlung. Mehr als 100.000 Menschen wurden evakuiert, allein in Fukushima. Doch Iwamura stellt sich hin und verkauft die Rückkehr der Normalität, besonders in Fukushima.

Er zeigt Fotos aus dem Atomkraftwerk von Arbeitern, die ohne Schutzanzüge herumlaufen. Zudem will er – wie er selbst sagt – Vorurteile gegen die Region bekämpfen. Die Delikatessen der Region, Reis, Gemüse und Pfirsiche würden getestet und seien sicher – und das Leben erst recht.

„In 95 Prozent der Präfektur Fukushimas sind die Strahlendosen nicht sehr verschieden von denen in Städten anderswo auf der Welt,“ sagt er. Selbst in der Nähe der Meiler seien sie vielerorts stark gefallen. Viele Ortschaften wurden bereits wieder zur Besiedlung freigegeben, so Imamura. „Wir arbeiten daraufhin, die Evakuierungsbefehle für die meisten Gebiete bis zum nächsten Frühjahr aufzugeben“ – außer einigen Zonen mit zu hoher Strahlung.

Doch Imamuras Werbefeldzug stößt auf ein schwerwiegendes Problem: Die Japaner leisten einen stillen Widerstand gegen die Bemühungen der Regierung, die Folgen des Atomunfalls kleinzureden und die Atomkraft als Energieträger zu rehabilitieren. Und damit wachsen die Zweifel an der Energiestrategie der Regierung, auf der Japan international seine Klimaschutzziele aufgebaut hat.

Japans Regierungschef Shinzo Abe will den Anteil an Atomstrom von derzeit einem auf 22 Prozent hochfahren. Doch ausgerechnet einer der Architekten seiner Energiestrategie fährt ihm in die Parade. „Das Ziel ist recht unrealistisch“, sagt der Energieexperte Takeo Kikkawa von der Wissenschaftsuniversität Tokio. 15 Prozent hält Kikkawa für möglich. Denn nicht nur die neuen Sicherheitsrichtlinien der Atomaufsicht stellen eine hohe Hürde für die Wiederinbetriebnahme von Reaktoren dar, sondern auch die öffentliche Meinung.

Zwar protestieren die Japaner nicht lautstark in Massen auf der Straße gegen die Atomkraft. Aber lokale Bürgerinitiativen führen harte juristische und politische Zermürbungskämpfe mit der Zentralregierung und der Atomlobby. Oder sie stimmen mit den Füßen ab – wie in Fukushima.

Kommentare zu " Fukushima – eine Bestandsaufnahme: Japans unbewältigte Katastrophe"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%