Furcht vor neuer Gewalt-Eskalation im Irak
Anschlag auf Goldene Moschee in Samarra

Nach einem neuerlichen Anschlag auf die Goldene Moschee in Samarra wächst im Irak die Angst vor einer Eskalation der Gewalt zwischen den Religionsgruppen.

HB BAGDAD/SAMARRA. Nach der Zerstörung der goldenen Kuppel der Grabmoschee von Samarra im vergangenen Jahr haben Extremisten nun auch die beiden Minarette der Moschee in die Luft gesprengt. Die Moschee zählt zu den wichtigsten Wallfahrtstätten der Schiiten im Irak. Politiker und Geistliche appellierten nach dem Anschlag am Mittwoch an die Schiiten, sich nicht zu Racheakten gegen Sunniten hinreißen zu lassen. Ministerpräsident Nuri al-Maliki verhängte in Bagdad bis auf weiteres eine Ausgangssperre, um Gewaltakte zu verhindern. Die Partei des radikalen Schiiten-Führers Muktada al-Sadr kündigte an, ihre Mitarbeit im Parlament aus Protest einzustellen. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon und die EU zeigten sich tief besorgt.

Die Polizei in Samarra berichtete, Unbekannte hätten am Morgen Sprengsätze an den beiden Minaretten angebracht. Die Explosion habe die Türme fast vollständig zerstört. Vor der Explosion seien auf dem Moschee-Gelände Mörsergranaten eingeschlagen. Das Areal sei von Einheiten der Armee und des Innenministeriums bewacht worden.

Bei einem ersten Anschlag auf die Moschee am 22. Februar 2006 war die mit Gold bedeckte Kuppel des Bauwerks stark beschädigt worden. Der Terrorakt hatte eine Welle der Gewalt zwischen Sunniten und Schiiten mit schon über 15 000 Toten ausgelöst. Die Grabmoschee beherbergt die Reliquien von zwei Geistlichen aus dem 9. Jahrhundert, die von den Schiiten als rechtmäßige Nachfolger des Propheten Mohammed angesehen werden.

Die USA machten das Terrornetzwerk El Kaida für den neuen Angriff auf die Moschee verantwortlich. El Kaida habe die Absicht, neue Gewalt zwischen den Religionsgruppen im Irak zu säen, sagte der Sprecher des Weißen Hauses Tony Snow in Washington. Die Terroristen wollten, dass sich die Iraker gegenseitig bekämpften und nicht mehr El Kaida. Die irakische Regierung und die USA wollten alles tun, damit El Kaida diesmal keinen Erfolg damit habe.

UN-Generalsekretär Ban warnte vor Vergeltungsanschlägen. Er rief die Iraker auf, aus dem Teufelskreis von Gewalt und Rache auszubrechen. Die deutsche Präsidentschaft der Europäischen Union erklärte: „Offensichtliches Ziel dieses schweren Anschlags ist es, die konfessionelle Gewalt im Irak weiter eskalieren zu lassen und ethnisch-konfessionelle Gewalt zu schüren.“ Die Täter müssten ermittelt und in einem rechtstaatlichen Verfahren zur Verantwortung gezogen werden.

Auch die EU hat den erneuten Anschlag auf die Goldene Moschee massiv kritisiert. Die Präsidentschaft der Europäischen Union verurteile das Attentat auf das Heiligtum der Schiiten „auf das Schärfste“, teilte das Bundesaußenministerium am Mittwoch mit. „Offensichtliches Ziel dieses schweren Anschlags ist es, die konfessionelle Gewalt im Irak weiter eskalieren zu lassen und ethnisch-konfessionelle Gewalt zu schüren.“ Die Präsidentschaft der Europäischen Union verfolge diese Entwicklung mit großer Sorge. Die EU-Präsidentschaft rief die irakische Regierung und die Bevölkerung des Landes dazu auf, „alles zu tun, um der Gewalt Einhalt zu gebieten und ein friedliches Zusammenleben der verschiedenen Religionsgruppen zu ermöglichen“. Die Täter müssten ermittelt und in einem rechtsstaatlichen Verfahren zur Verantwortung gezogen werden.

Das religiöse Oberhaupt der irakischen Schiiten, Großajatollah Ali al-Sistani, rief die Gläubigen angesichts dieser erneuten Beschädigung des Heiligtums zur Selbstbeherrschung auf. „Die Iraker sollen nicht denjenigen folgen, die eine Spaltung herbeiführen wollen“, sagte er einem seiner Vertrauten zufolge. In der zentralirakischen Pilgerstadt Nadschaf marschierten nach Angaben der Nachrichtenagentur Aswat al-Irak wütende Schiiten zu Al-Sistanis Büro. Sie gaben der Regierung und den US-Truppen die Schuld an dem Angriff auf das Heiligtum.

Der Vorsitzende der religiösen Stiftung der Sunniten in Samarra, Scheich Ahmed al-Samarai, verurteilte den Anschlag. Der sunnitische Rat der Religionsgelehrten sprach von einem „Terrorakt“ und verlangte den Rücktritt der Regierung. Regierungschef Al-Maliki und das Parlament forderten die Iraker auf, Ruhe zu bewahren.

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