"Fußballkrieg"
Mexiko: Bomben nach der zweiten Halbzeit

Der „Fußball-Krieg“ in Mittelamerika bringt die neuen Militärmachthaber in Honduras an seinem 40. Jahrestag auf die Barrikaden. Anlass ist ein Dokumentarfilm über das Ereignis, der pünktlich zum Jahrestag in die Konis kommen sollte und der auch die dunklen Seiten der honduranischen Geschichte nicht ausspart.

TEGUCIGALPA. Es gibt diesen Moment im Gespräch mit Mauricio Rodríguez, da erlaubt er sich zum ersten Mal einen Anflug von Stolz. Nach rund einer Stunde erhebt sich der 63-Jährige, den alle seit seiner Kindheit nur "Pipo" nennen, von der schwarzen Ledercouch im Wohnzimmer seines Hauses in San Salvador und geht die wenigen Schritte in sein Arbeitszimmer. Zwischen Dutzenden von Pokalen, Zeitungsausschnitten und Urkunden kramt Rodríguez eine kleine silberfarbene Schachtel hervor. Vorsichtig öffnet er sie und nimmt eine auf Watte gebettete vergoldete Medaille heraus.

Mit dem Daumen fährt er darüber, gerade so, als wolle er Staub abwischen. "Heroe Nacional Pipo Rodríguez" - Nationalheld Pipo Rodríguez - steht auf der Medaille: "Die habe ich nach dem Spiel in Mexiko-Stadt bekommen", sagt er, und in diesem Augenblick legt sich ein Lächeln auf das Gesicht von Pipo Rodríguez, und man ahnt, wie seine Gedanken zum 27. Juni 1969 reisen.

An dem regnerischen Abend vor 40 Jahren schießt der damalige Stürmer der Nationalmannschaft von El Salvador im Aztekenstadion von Mexiko-Stadt ein Tor gegen Honduras. Es bringt sein Land der Teilnahme an der Fußball-Weltmeisterschaft 1970 ganz nahe, und es löst vermutlich einen bewaffneten Konflikt aus, der später als "Fußball-Krieg" in die Geschichte eingehen wird. Während die Spieler beider Mannschaften darum kämpfen, mit ihrer Mannschaft als erstes zentralamerikanisches Land zu einer WM reisen zu dürfen, nutzen die Militärmachthaber in den Nachbarstaaten das sportliche Aufeinandertreffen auf ihre Art: um die Bevölkerung auf einen Krieg einzustimmen, der längst beschlossene Sache ist, einen Krieg um Territorialfragen und unerwünschte Einwanderer.

Am 14. Juli, drei Wochen nach dem entscheidenden Schuss von Pipo Rodríguez, überfällt El Salvador das Nachbarland Honduras. Was folgt, ist einer der kürzesten, absurdesten und brutalsten Kriege. 6 000 Menschen verlieren in nur 100 Stunden Krieg ihr Leben. Dabei gelten die beiden Länder als Bruderstaaten. Sie haben gemeinsame Wurzeln, sprechen die gleiche Sprache, die Flaggen sind sich zum Verwechseln ähnlich, nicht mal eine richtige Grenze gibt es.

In den Folgejahren bricht der gemeinsame Zentralamerikanische Markt zusammen, weil El Salvador Waren nicht mehr über Honduras exportieren darf. Hunderttausende Salvadorianer fliehen aus Honduras. Erst 1980 lindert ein Friedensvertrag die Folgen. Auf den "Fußball-Krieg" aber legte sich die Patina der Geschichte.

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