International
Fußnoten einer Revolution

Vieles was in der Ukraine dieser Tage vor sich geht, scheint vordergründig unpolitisch. Doch das meiste - so die "gedopten Orangen" - sind mittendrin.

KIEW. Um ihren Mann steht es schlecht: Erst öffentlich verkündete 38,7 Grad Fieber, dann auch noch das öffentliche Abrücken von Noch-Präsident Leonid Kutschma von ihm: "Wenn ich Janukowitsch wäre, würde ich nicht noch einmal antreten", empfiehlt Kutschma seinem vormaligen Favoriten, Premier Viktor Janukowitsch, plötzlich für die Wahlwiederholung am 26.Dezember.

Da hat es seine Frau Ljudmila längst zu landesweiter Prominenz gebracht: Ihr Wahlkampfgedonner im heimischen ost-ukrainischen Donezk über die angeblich "gedopten Orangen", die den Demonstranten in Kiew zum Aufputschen verabreicht würden, hat es jetzt schon zum landesweiten TV-Clip gebracht: Bunte Orangen kullern über die Mattscheibe während die verhärmte Premiers-Gattin gegen die Früchte hetzt und die Opposition meint.

Während der nicht nur gesundheitlich angeschlagene Gatte seine Gemahlin nun bereits zurück in die Heimat verfrachtet hat, hat sie sich mit ihren "Dope-Orangen" wenigstens dauerhaft einen Platz in der ukrainischen Revolution gesichert.

Ebenso sicher ist inzwischen auch die Rolle der "Rap-Revolution": Die kiebige Künstler "Greenjolie" in Kiew haben aus den Wahlkampfslogans der beiden verfeindeten Lager inzwischen einen so hinreissenden Rap gemacht, dass nicht nur die Demonstranten auf Kiews Unabhängigkeitsplatz dazu tanzen. Das Stück dröhnt aus dem Radio und ist bereits auf illegal gebrannten CDs für gut zwei Euro zu haben: "Wir sind viele und lassen uns nicht belügen. ... Wir sind kein Pack... Juschtschenko - tak! (Ja)"... Wer es hören will, kann es auch downloaden: http://varyform.org.ua/tak/

Aber zurück zu den Orangen, den Ljudmila Janukowitsch nun ja unauslöschlich zur Orangen-Revolution gemacht hat: Die Früchte werden wirklich gebraucht, enthalten sie doch viel Vitamin C. Das, so empfahl kürzlich ein Arzt im örtlichen Fernsehen, bräuchten die Dauerdemonstranten nicht nur im Kampf gegen drohende Bronchitis. Vielmehr "kann man nach Einnahme von einem Gramm Vitamin C zwei Stunden weniger schlafen und erholt sich genauso schnell", riet der Mediziner. Der Effekt: Vitamintabletten sind in Kiew ausverkauft, jetzt müssen wieder Apfelsinen her. Bisher gab es übrigens Vitamin-Kapseln in den Landesfarben blau-gelb.

Ob der Rat des Herrn Doktor, gegen durch Dauerstehen auf dem Unabhängigkeitsplatz drohende Thrombosen "morgens und abends je zweimal mindestens ein neunstöckiges, besser noch 16-stöckiges Haus auf seinen Stufen zu ersteigen", genauso gut befolgt wird, ließ sich vorerst nicht überprüfen.

Obwohl die Orangen-Revolution noch gar nicht vorbei ist, gibt es bereits Gewinner und Verlierer: Zu den Gewinnern zählen zweifellos die Restaurant und Fast-Food-Ketten rund um den Unabhängigkeitsplatz - sie verbuchen mindestens 30 Prozent mehr Kunden. Mussten aber auch auf Druck des Kiewer Bürgermeisters ihre Preise wenigstens um zehn Prozent senken, damit auch arme Demonstranten sich eine warme Mahlzeit leisten können.

Gewinner sind auch die Verkäufer der Majdan-Mode, wie die orangefarbenen Auslagen der Geschäfte am Unabhängigkeitsplatz von der örtlichen Presse genannt werden. Sie haben ihre in der Revolutionsfarbe gewebten Kleider, Mützen und Handschuhe in den Schaufenstern - und ziehen damit deutlich mehr Kunden an.

Verlierer sind hingegen die örtlichen Theater und Kinos. Theater haben aus Solidarität mit der Opposition inzwischen sogar meist geschlossen, Zuschauer kommen ohnehin kaum. Die Kinos versuchen dennoch weiter ihr Glück: "Doch selbst zum neu angelaufenen Hollywood-Blockbuster 'Alexander' kamen gerade mal 20 Zuschauer", klagt eine Mitarbeiterin des Kiewer Kinos Schowten: "Die meisten kommen bei uns rein, um sich aufzuwärmen, eine Tasse Tee im Foyer zu trinken und dabei dort den oppositionellen Fünften Kanal im Fernsehen zu sehen."

Da machen andere lieber gleich zu - wie die Kiewer Messe Kiew-Expo: Sie hat alle Ausstellungen abgesagt und lässt in der Messehalle jetzt frierende Demonstranten übernachten.

Revolution macht erfinderisch: Nicht nur Wahlkampfslogans werden zum Rap vertont, inzwischen machen Kiews Kreative auch Handy-Kunst. So wird inzwischen das Konterfei von Oppositionsführer Viktor Juschtschenko so aufgelöst und verfremdet, das er dem berühmten Schwarz-weiss-Poster von Che Guevara ähnelt und wird auf Mobiltelefone verschickt.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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