G-8-Gipfel
Klima-Schiffbruch oder Riesenschritt

Hat die Klimapolitik Schiffbruch erlitten oder gerade noch die „letzte Ausfahrt vor der Hölle“ erwischt? Nach dem Kompromiss von Heiligendamm könnten die Reaktionen unterschiedlicher kaum sein. Während Umweltschützer wütend protestierten, gingen die Reaktionen führender Klimaforscher von Begeisterung bis Ablehnung.

HB FRANKFURT. „Failed – Gescheitert“ steht auf einem riesigen gelben Transparent, das ein Greenpeace-Ballon am Freitag bei Rostock Richtung Tagungsgelände zieht, ehe er von einer Hubschrauber-Patrouille zur Landung gezwungen wird. „Die Chance zu einem echten Fortschritt war da und ist vertan worden“, klagt Greenpeace-Klimaexperte Tobias Münchmeyer, dessen vage Hoffnung auf ehrgeizige Selbstverpflichtungen der Großen Acht enttäuscht wurde.

„Heiligendamm ist ein Riesenschritt“, urteilt hingegen Hans Joachim Schellnhuber, der Direktor des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung. „Nun ist klar, dass die USA wieder eingefangen sind, eingebunden in die Arbeit der Vereinten Nationen.“ Bisher sei immer völlig unklar gewesen, ob sich die USA an einem Nachfolge-Abkommen für das Kyoto-Protokoll beteiligen würden. „Doch jetzt haben sie explizit erklärt, dass sie nicht nur mitmachen, sondern sogar eine führende Rolle spielen wollen“, betont der Regierungsberater im AP-Gespräch.

Aus wissenschaftlicher Sicht sei ein zweiter Aspekt aber noch wichtiger: „Die Staaten haben ernsthaft zugesagt, dass sie sich bemühen, die globalen Treibhausgas-Emissionen bis 2050 auf die Hälfte zu reduzieren.“ Dies entspreche etwa dem Zwei-Grad-Ziel der Europäischen Union, mit dem die negativsten Folgen der globalen Erwärmung wohl noch ausgeschlossen werden könnten. Noch am Morgen der Verhandlungen seien alle Experten überzeugt gewesen, dass das 50-Prozent-Ziel im Abschlussdokument nicht einmal auftauchen würde. Nun seien die heiß diskutierten 50 Prozent das „wohl wichtigste quantitative Ziel in einer weltpolitischen Erklärung seit dem Umwelt-Gipfel von Rio 1992. „Insofern geht Heiligendamm viel weiter als die normaler G-8-Gipfel.“ Demnach hätten die G-8 wohl noch die „letzte Ausfahrt vor der Hölle“ erwischt, wie es Umweltstaatssekretär Michael Müller (SPD) formulierte.

Verhalten der US-Regierung positive Überraschung

Die Halbierung der Treibhausgase bis 2050 wollen die G-8 also „ernsthaft in Betracht ziehen“. Vor allem diese Formulierung ist es, an der sich die Kritik von Umweltschützern und Oppositionspolitikern entzündet. Angesichts des Handlungsdrucks sei die Wortwahl blanker Hohn, kritisiert etwa die stellvertretende Grünen-Vorsitzende im EU-Parlament, Rebecca Harms. Klimaforscher Schellnhuber hat für solche Ansichten wenig Verständnis: „Die G-8 können nie etwas anderes als eine Bemühens-Zusage machen. Einen völkerrechtlich bindenden Vertrag kann ein G-8-Gipfel ja gar nicht verabschieden.“

„Wenn man die Vorgeschichte bedenkt, ist das Ergebnis von Heiligendamm sehr ermutigend“, findet auch Jochem Marotzke, Leiter des Hamburger Max-Planck-Instituts für Meteorologie und Mitautor des jüngsten UN-Klimareports. Gemessen an dem, was noch vor sechs Wochen zu erwarten gewesen sei, bewertet er das Verhalten der US-Regierung als positive Überraschung. Das Wichtigste sei, dass der politische Prozess nun in die richtigen Bahnen gelenkt worden sei. Außerdem, so urteilt Marotzke, könne man von der Politik nicht erwarten, „dass sie dieselben harten und verbindlichen Formulierungen wie die Wissenschaft wählt“.

„An diesem Punkt waren wir schon vor 15 Jahren“

Aus Sicht von Umweltschützern waren bereits die G-8-Gipfel vor Heiligendamm große Enttäuschungen: Auf dem 2005-er Treffen im schottischen Gleneagles bekannten sich die Teilnehmer zwar unverbindlich zu dem Ziel, den Ausstoß von Treibhausgasen zu mindern. Gleichzeitig beugten sie sich aber den USA, die sich gegen konkrete Zielvorgaben stemmten. In der Abschlusserklärung des letzten Gipfels in St. Petersburg hieß es lediglich: „Wir erkennen an, dass die G-8-Mitglieder unterschiedliche Wege eingeschlagen haben, um Energiesicherheit und die Klimaschutzziele zu erreichen.“

Und nun Heiligendamm: „Dieses Ergebnis ist sehr mager, ein ganz klarer Misserfolg“, sagt Klimaforscher Mojib Latif, Direktor des Kieler Leibniz-Instituts für Meereswissenschaften. Er kritisiert, dass die schwammigen Formulierungen und Allgemeinplätze der Abschlusserklärung letztlich alle Türen offen ließen, durch die sich die Staats- und Regierungschefs wieder davonmachen könnten.

Streng genommen hätten die G-8 das Ziel von Heiligendamm bereits vor Jahren formuliert, meint Latif: „Schon in der Klima-Konvention von Rio haben sich die Staaten dazu verpflichtet, die Treibhausgaskonzentration so weit zu begrenzen, dass es nicht zu einem gefährlichen Klimawandel kommt. An diesem Punkt waren wir aber schon vor 15 Jahren.“ Leider hätten sich die USA noch immer nicht zu einer freiwilligen Selbstverpflichtung in Sachen CO2-Reduktion durchgerungen, kritisiert Latif: „Das wäre ein Schritt, der auch die Schwellenländer überzeugen würde.“

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