G20-Treffen
China als Unsicherheitsfaktor

China war der Wachstumstreiber der G20-Staaten. Aber das Turbowachstum in der Volksrepublik ist vorbei. Zum G20-Treffen muss Peking erklären, dass es nicht die Kontrolle über seine Wirtschaft verloren hat.

SchanghaiJiang Jianqing ist gewohnt, im Zentrum zu stehen. Seit mehr als zehn Jahren ist er Vorstandsvorsitzendender der chinesischen Großbank ICBC, der größten Bank der Welt nach Bilanzsumme. Sein Wort hat Gewicht. Und bislang war der 63-Jährige international gefragt als Entscheider und Impulsgeber. Aber der Wind hat sich gedreht.

Jiang steht am Pult auf der Bühne in einem Luxushotel. Die im Institute of International Finance (IIF) zusammengeschlossene Finanzindustrie hat die Branche aus Anlass des Treffens der Finanzminister und Notenbankchefs der führenden Industrie- und Schwellenländer (G20) zusammengetrommelt. Aber die drängendste Frage vieler Banker lautet: Wie schlimm steht es um Chinas Wirtschaft? Und hat Peking die Situation noch im Griff?

„Wir spüren den Abwärtsdruck“, räumt Jiang ein. „Einige internationale Kräfte spekulieren gegen China. Sie wollen von einem schwachen Yuan verdienen“, klagt der Top-Banker. Die Kritik geht gegen den ehemaligen Hedgefonds-Manager und Milliardär George Soros. Der hatte beim Weltwirtschaftsforum in Davos über China gesagt: „Eine harte Landung ist unvermeidbar.“

Chinas Banker und politische Entscheider sehen sich in einer neuen Rolle. Erst dominierte die globale Finanzkrise die Treffen der Gruppe der 20. Dann die Sorgen um die Krise der Eurozone. Stets war Chinas Hilfe gefragt. Aber plötzlich ist China nicht mehr Geldgeber und Sicherheitsgarant, sondern Unsicherheitsfaktor.

Die Sorge um die Entwicklung der chinesischen Währung seien allgegenwärtig, betonte der Ex-US-Finanzminister Henry Hank Paulson. „Sie stehen für die Sorgen um die Entwicklung der gesamten Volkswirtschaft“, erklärte Paulson.

Von Chinas Führung werden die Probleme klar gesehen. „Es gibt viele Herausforderungen“, betont der Vize-Gouverneur der chinesischen Zentralbank, Yi Gang. Deshalb würden die Reformen Stück für Stück vorangetrieben. Im Zentrum gehe ein neues Fundament der chinesischen Wirtschaft.

Mehr Binnenkonsum und weniger Abhängigkeit von Investition seien zentrale Ziele. Und obwohl das Wirtschaftswachstum im vergangen Jahr auf den niedrigsten Stand seit zwei Jahrzehnten gefallen sei, komme die Umstrukturierung gut voran. Diese Zuversicht wird international aber nicht unbedingt geteilt.

China stehe vor „überwältigenden“ Aufgaben, hob etwa IWF-Chefin Christine Lagarde hervor. Im Rahmen der Strukturreformen müsse Peking seine Finanzmärkte öffnen und sein Wirtschaftsmodell von der Schuldenabhängigkeit wegbewegen. Peking habe zwar viel geleistet. Die Herausforderungen seien aber weiterhin gewaltig.

Stephan Scheuer ist China-Korrespondent des Handelsblatts. Quelle: Mirela Hadzic für Handelsblatt
Stephan Scheuer
Handelsblatt / Korrespondent China
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