G7-Gipfel 2016
Zu Besuch bei Japans Sonnengöttin

Nach dem Gipfel ist vor dem Gipfel: Auf Deutschland folgt Japan als Gastgeber der G7. Schon mit der Ortswahl für den nächsten Gipfel instrumentalisiert Regierungschef Shinzo Abe die G7 für seine eigene politische Agenda.
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TokioDer nächste G7-Gipfel in Japan wird vom Start weg hohen Symbolgehalt haben: Japans Regierungschef Shinzo Abe lädt seine Kollegen der führenden sieben alten Industrienationen zum Treffen nach Ise-Shima ein, wo seit mehr als einem Jahrtausend in einem berühmten Schrein der Urreligion Shinto die Sonnengöttin Amaterasu verehrt wird. Sie ist so etwas wie die mythische Urmutter Japans, von der laut Legende die Kaiserfamilie abstammt.

Abe erklärte die Wahl dieses spirituell aufgeladenen Ortes zwar mit anderen Qualitäten. Man habe den Platz in der Präfektur Mie basierend auf dem Wunsch gewählt, „die Führer der Welt Japans natürliche Schönheit, reiche Kultur und Tradition zu erleben und zu genießen.“ Doch es ist ein offenes Geheimnis, dass die Selektion gut in seine nationalistische Agenda passt.

Eines von Abes Zielen ist, Japan wieder dazu zu bringen, „stolz“ auf ihr Land zu sein. Er bekämpft daher so genannte „masochistische“ Geschichtsschreibung, die an Japans Kriegsgräuel im annektierten Korea und eroberten China erinnert. Stattdessen will er den Mantel des Vergessens über die dunklen Flecken in Japans Geschichte decken und die nationalistische Interpretation von Japans Naturreligion Shinto fördern.

Die Betonung des Ise-Schreins ist dabei eines seiner wichtigen Projekte: Abe ist nicht Mitglied der politischen Vereinigung des Shinto, sondern besuchte vor zwei Jahren als erster Ministerpräsident seit mehr als 80 Jahren eine der wichtigsten Zeremonien des Schreins: Den Umzug der Götter.

Den Hintergrund erklärte damals Kinderbuchautor Hisashi Yamanaka, der ein bekannter Kritiker des Staatsshintoismus aus Japans imperialistischer Epoche ist, in der Zeitung Asahi wie folgt. „In der Vergangenheit war der Ise-Schrein die Quelle der Vereinigung von Politik und Religion und der nationalistischen politischen Fundamentalismus.“ Abes Besuch sei eindeutig eine Rückkehr in die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg.

Wie sehr Abe in diesem Zusammenhang mit der Politik seiner liberalen wie auch konservativen Vorgänger bricht, machen seine Reden über Japans geschichtliche Verantwortung deutlich: In den Generalproben für seine Rede zum 70. Jahrestags des Kriegsendes in Indonesien und den USA hat er im Gegensatz zu den Ministerpräsidenten seit 1995 das Wort „Entschuldigung“ vermieden. Dabei wird dies vor allem bei den wichtigen Nachbarn in China und Südkorea kritisch gesehen, in denen die Unterdrückung durch Japan bis heute den Geschichtsunterricht und die Propaganda bestimmt.

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Zu Besuch bei Japans Sonnengöttin

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Der Ort ist strategisch bestens geeignet

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