Gaddafi auf der Flucht?
Die Macht des libyschen Diktators ist gebrochen

Der Kampf um Tripolis tobt mit voller Wucht, Gerüchten zufolge ist Machthaber Gaddafi bereits geflohen. In der Nacht rief sein Sohn noch zum Widerstand auf. Dennoch scheint die Macht des Despoten gebrochen zu sein.
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Tripolis/AlgierMögliche Wende im Bürgerkrieg in Libyen: Nach nächtlichen Kämpfen zwischen Aufständischen und Regierungstruppen in Tripolis soll der bedrängte Machthaber Muammar al-Gaddafi die Hauptstadt in Richtung algerische Grenze verlassen haben. Aus gut informierten Kreisen in Tripolis verlautete am Sonntag, er halte sich mit seiner Familie in einer Region unweit der Grenze auf. Im Stadtzentrum, das noch von Gaddafis Anhängern kontrolliert
wird, herrschte am Sonntagvormittag wieder Ruhe.

Nach Informationen des "Spiegel" wurden zum Schutz deutscher Diplomaten Elitepolizisten des Bundes entsandt. Die GSG 9, Spezialeinheit der Bundespolizei, ist bereits in Libyen im Einsatz. Die Beamten haben die Sicherheitsberatung des deutschen Verbindungsbüros in der Rebellenhochburg Bengasi übernommen, das Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) im Mai einrichten ließ.

Eine Bestätigung für die Nachricht von der Flucht Gaddafis aus Tripolis gab es zunächst aber nicht - weder von den Rebellen noch von algerischer Seite. Ein Beamter des Außenministeriums in Algier sagte auf Anfrage, Gaddafi halte sich derzeit nicht in Algerien auf. Das libysche Fernsehen hatte in der Nacht eine vorab aufgezeichnete Rede von Gaddafis Sohn Seif al-Islam vor einer Gruppe von Anhängern ausgestrahlt. Darin sagte dieser, es sei ausgeschlossen, dass er und sein Vater das Land verlassen würden.

Die Nato kann nach eigenen Angaben nicht mal die Berichte über einen Vorstoß der Rebellen bis auf Tripolis bestätigen. Nato-Sprecher Oberst Roland Lavoie sagte am Sonntag in Brüssel, die Lage verändere sich allerdings ständig und die Rebellen seien in der Offensive. Es sei schwer, den Frontverlauf genau zu bestimmen.

In der Nacht hatte es in Tripolis aber offenbar Kämpfe zwischen Gaddafis Truppen und Aufständischen gegeben. Nach Angaben von Augenzeugen werden die Viertel Tadschura und Suk al-Dschumaa inzwischen von den Rebellen beherrscht. Die Kämpfer hätten auch die Kontrolle über den Internationalen Flughafen von Tripolis übernommen, berichtete ein Rebellensender. Anwohner hörten bis zum Morgengrauen Schüsse und Luftangriffe der Nato. In einer während der Gefechte im staatlichen Fernsehen übertragenen Audiobotschaft nannte Gaddafi die Rebellen „Verräter“ und „Ratten“ und beschuldigte sie, Libyen zerstören zu wollen. Seine Anhänger rief er auf, in Massen die Rebellion zu beenden. Die europäischen Länder und namentlich Frankreich bezichtigte er, hinter dem libyschen Öl her zu sein.

Der arabische Fernsehsender Al Arabija berichtete, die Aufständischen hätten Dutzende Soldaten Gaddafis gefangen genommen. Doch auch die Aufständischen erlitten hohe Verluste. Allein bei den Gefechten im Stadtviertel Tadschura kamen nach Angaben eines Rebellenführers laut Al-Dschasira mindestens 123 Aufständische ums Leben.

Der Vorsitzende des Übergangsrates, Mustafa Abdul Dschalil, sagte Al-Dschasira, dass alle Aktionen vorbereitet und koordiniert seien. Die Nato hatte ihre Kampfeinsätze am Samstag stark auf Libyens Hauptstadt konzentriert. Die Kampfjets der internationalen Truppen hätten allein in Tripolis 22 Ziele angegriffen, berichtete die Nato am Sonntag in Brüssel.

Attackiert wurden demnach Militäreinrichtungen, Lagerhallen, gepanzerte Fahrzeuge, Raketen und Raketenwerfer sowie Radarsysteme. Insgesamt habe die Nato am Samstag 36 Kampfeinsätze über Libyen geflogen. Neben Tripolis griff das Bündnis auch Ziele in Sirte, Al-Brega und Slitan an.

Aus der Industriezone der monatelang umkämpften und zuletzt von den Rebellen eingenommenen Öl- und Hafenstadt Al-Brega mussten sich die Aufständischen nach eigenen Angaben wegen starken Beschusses durch die Gaddafi-Truppen am Samstag wieder zurückziehen. Der Übergangsrat der Rebellen hatte in den vergangenen Monaten mehrfach erklärt, für die Eroberung von Tripolis setzte man auf den „Kollaps des Regimes“
und die Unterstützung durch „geheime Zellen“ von Sympathisanten in Tripolis. In den vergangenen Tagen hatten die Rebellen auf ihrem Vormarsch nach Tripolis große Geländegewinne erzielt.

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur
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Reuters 
Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur

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  • Seit wann spielt das Handelsblatt den Kolporteur unbestätigter Gerüchte? Können Sie nicht einfach mal die Klappe halten und abwarten, bis Ihre Korrespondenten mit bestätigten Berichten aus erster Hand aufwarten können? Was sich bisher immer wieder bestätigt ist die kaum von der Hand zu weisende Tatsache, dass wir im Auftrag französischer, britischer und amerikanischer Ölmagnaten dabei sind, ein Land zu zerstören, für viele Jahre Unfrieden zu stiften und Hektoliterweise das Blut unschuldiger Menschen zu vergießen. Mehr ist eigentlich nicht zu berichten. Seit wann liebäugelt das Handelsblatt mit schmutzigen Freischärlern und "Rebellen"?

  • Da kennt ja jetzt aber einer ganz toll aus. Er hat diese Islamisten Brutstätten unterdrückt. Diese Brutstätten werden gerade von der Nato freigebombt.

  • Die UN-Resolution 1973 ermächigt die NATO zur Errichtung einer Flugverbotszone. Das hat die Nato dann auch schnell realisiert und die Luftwaffe zerstört. Damit ist die Resolution vollzogen. Alles, was weiter passiert, ist gegen das Völkerrecht. Wenn die Nato Bomben mitten in Tripolis abwirft und dabei Zivillisten tötet, ist das gegen das Völkerrecht. Man greift in die inneren Angelegenheiten eines Staates ein. Beispiel: Innere Unruhen in England und ein anderer Staat wirft anschliessend Bomben auf Downing-Street ab. Das wäre dann aber Terror. Es geht um die Herrschaft des Dollars. Ghaddafi wollte sich vom Dollar lösen und Nordafrika aus den Klauen des angelo-amerikanischen Kapitalimperalismus befreien. Das kann Amerika nicht zulassen, denn dann sinkt der Dollar ins Bodenlose. Der letzte, der den Dollar nicht für sein Öl aktzeptieren wollte, verrottet jetzt im Sand von Messopotanien, nachdem man ihm verher einen Strick um den Hals gelegt hat.
    So wird es auch Ghaddaffi ergehen. Es soll nur niemand glauben, dass die Zivilbevölkerung (Frauen, Kinder Alte Leute) ingend einen Wert haben. Es geht nur um die Macht des Geldes und über die Herschaft des Öls.
    Oder geht es den Leuten in Agyten jetzt besser? Man hat einen stabilen islamischen Staat geschwächt, die Vorherrschaft der Vasallen Amerikas (Könighaus SAUD) in der arabischen Welt gestärkt. Das war das Ziel.
    Zur Erinnerung: Als in Brunai gleichzeitig zu dem Aufstand in Tunesien ein Aufstand ausbrach, hat das die westl. Welt nicht interessiert. Der Sultan von Brunai ist eng mit dem Königshaus Saud verbunden, sogar von diesem abhängig. Da hat die Amis das Leid oder der Schutz der Zivilbevölkerung nicht interessiert. Der Aufstand wurde mit saudischen Panzern niedergeknüppelt. Den Westen hat es nicht interessiert, weil da haben ja prowestliche Diktatoren ihr Volk gekillt.
    Lybisches Geld wird enteignet. Ghaddiffi finaziert den Krieg gegen sich. Pevers?

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