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18.03.2008 
Gastarbeiter

Ganz unten in Dubai

von Pierre Heumann

Sie haben wenige Rechte, hausen in Baracken und müssen auch noch bei 40 Grad Hitze sechs Tage die Woche ran: Arbeiter in Dubai werden von ihren Chefs ausgebeutet und häufig auch um ihren Lohn gebracht. Das Leben der Gastarbeiter in der Wüstenwunderstadt.

Indische Arbeiter in ihrem Schlafsaal: In Dubai werden Arbeiter wie Sklaven gehandelt. Foto: reutersLupe

Indische Arbeiter in ihrem Schlafsaal: In Dubai werden Arbeiter wie Sklaven gehandelt. Foto: reuters

DUBAI. Freizeit kennt Khaled nicht. Die Wochenenden sind für den Pakistani ein normaler Arbeitstag. Und auch tagsüber sind Ruhepausen dünn gesät, obwohl er sich bereits um sechs Uhr früh auf der Baustelle meldet und bis zehn Uhr abends malochen muss.

Khaled arbeitet zwar in Dubai, einem Ort der Superreichen und der milliardenschweren Investmentprojekte, aber er werde wie ein Sklave gehalten, sagt er. Der maximalen Arbeitszeit stehe ein minimaler Monatslohn gegenüber. Überstunden inklusive erhält er umgerechnet knapp 200 Euro. Das ist wenig – „aber“, sagt er, „es ist immer noch doppelt so viel, wie ich in meiner Heimat erhalten würde“. So er denn überhaupt einen Job hätte. Auf ein kleines Inserat „Arbeit in Dubai“ würden sich in Pakistan mehrere Hundert Arbeitslose melden, sagt er und meint: „Diese Not nützen die Emirati brutal aus.“

Khaleds Situation steht exemplarisch für die Behandlung der ausländischen Arbeiter in Dubai. Mehr als eine Million verdingen sich in der Wüstenwunderstadt, in der nur 200 000 Einheimische leben. Immer wieder hat die Menschenrechtsorganisation „Human Rights Watch“ auf ihre unwürdigen Lebensumstände hingewiesen. So würden etwa die Löhne, so mickrig sie auch seien, häufig zurückbehalten. Der Fremdarbeiter sei praktisch rechtlos. Den Pass müsse er gleich bei Antritt seines Jobs abgeben. Damit solle ein Wechsel des Arbeitsplatzes oder die Flucht verhindert und die Abhängigkeit vom Unternehmer auf die Spitze getrieben werden. Die Lebensbedingungen seien „ausbeuterisch“, heißt es im Menschenrechtsbericht.

Khaled zum Beispiel wohnt zusammen mit 28 Männern in einem engen Raum, Kajütenbett steht eng neben Kajütenbett. Vermietet werden keine Zimmer, sondern einzelne Betten in Massenunterkünften.

Die sanitären Bedingungen sind mehr als dürftig: Für alle zusammen gibt es ein einziges Badezimmer. Die Fenster sind mit Plastikfolien bespannt, weil das zerbrochene Glas nicht ersetzt wird. Eine Gewerkschaft gibt es nicht, wer nicht spurt, fliegt raus.

Immerhin finden sich ihre Klagen mittlerweile in den Leserbriefspalten der Zeitungen wieder, ihre Not wird häufiger als früher in den Medien geschildert. Mit Streiks machen die Arbeiter auf ihre Hungerlöhne aufmerksam – zuletzt im Herbst.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Die Misere der Gastarbeiter.

Inzwischen sei auch das Gesetz zugunsten der Arbeiter verbessert worden, sagt Rechtsanwalt Mohammed al Roken, der in Dubai Menschenrechtsverletzungen nachgeht. Die Regierung kontrolliere jetzt, ob die Arbeiter auf den Baustellen Wasser bekommen, ob ihnen der Lohn ausbezahlt werde.

Das Gesetz helfe den Arbeitern allerdings nur beschränkt, gibt al Roken zu, „weil die Texte nur in Arabisch und Englisch abgefasst sind“. Viele der Gastarbeiter, die aus Pakistan, Bangladesch oder Indonesien kommen, kennen daher ihre Rechte gar nicht so genau.

Das Arbeiten auf der Baustelle ist zudem lebensgefährlich. „Es gibt kaum Sicherheitsbestimmungen“, sagt Khaled. Jedes Jahr sterben Hunderte ausländischer Bauarbeiter. Im Jahr 2004 zählte „Human Rights Watch“ 880 Todesfälle, das sind die neuesten Zahlen.

Die Misere der Fremdarbeiter wirft inzwischen ihre Schatten auf Dubais Image, auf die Stadt der Superlative und des Wirtschaftswunders. Die Hungerlöhne führen zudem zu einer archaisch anmutenden, arbeitsintensiven Bauweise, bei der die Qualität leidet. Höhere Löhne würden zu einer Verbesserung der Baustandards führen, sagt ein Ökonom in Dubai, weil sich dann der stärkere Einsatz von Maschinen rentieren würde. Dies käme auch einigen Einheimischen entgegen, die sich vor Überfremdung fürchten angesichts der vielen Fremdarbeiter, die auf der Suche nach einem besseren Leben nach Dubai kommen.

Dafür hat sich der schmächtige Khaled, wie die meisten seiner Kollegen, zunächst so hoch verschuldet, dass er ein bis zwei Jahre arbeiten muss, um alles abzustottern. Der Flug nach Dubai, Visum, ein Gesundheitstest sowie „etwas Schmiergeld“ für die Arbeitsvermittlung habe er zahlen müssen – alles zusammen rund 1 500 Dollar habe er hinblättern müssen, bevor er seinen Job in Dubai antrat. Das Geld hat er sich bei Verwandten und Freunden geliehen.

Bis vor kurzem schickte er noch 40 Prozent seines Lohnes nach Hause – an seine Frau und seine beiden Kinder. Den Rest habe er gespart – „um mir irgendwann ein Haus bauen zu können“, erzählt er. Doch jetzt könne er kaum mehr etwas zurücklegen. Sein mageres Gehalt schmelze mit der Dollar-Schwäche und der steigenden Inflation dahin, sagt Khaled. Er könne deshalb immer weniger an seine Familie in Kasur im Punjab überweisen. So geht es auch vielen anderen unter den Fremdarbeitern. Einige haben deshalb gestreikt. Jetzt bekommen sie zwar 20 Prozent mehr Lohn. Aber auch das reiche noch lange nicht, um die Lage nachhaltig zu verbessern, sagt Khaled.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Die größten Empfänger von Auslandsüberweisungen.

Die Überweisungen der Arbeiter in ihre Heimatländer sind dort schon lange ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, der auch noch an Bedeutung zunimmt. Denn das durch den Ölpreisboom angeheizte Wirtschaftswachstum in Dubai und den Golfstaaten erhöht ständig die Nachfrage nach Fremdarbeitern, die meist aus Südostasien kommen, und damit auch die Summe, die diese an ihre Verwandten schicken.

Allein auf den Philippinen sollen die Transfers in den ersten drei Quartalen 2007 um 15 Prozent gestiegen sein, schätzt die Weltbank. Überweisungen aus den Golfstaaten sind nach Angaben des US-Finanzdienstleisters Calyx für die größten Finanzströme verantwortlich. Vor allem Indien, Pakistan, Sri Lanka, Nepal und Bangladesh profitierten davon. Laut Weltbank ist Indien der größte Empfänger von Auslandsüberweisungen. 2006 sollen es 27 Milliarden Dollar gewesen sein. In dieser Summe sind bloß die Überweisungen über das offizielle Banksystem erfasst. Hinzu kommen noch die Summen, die über das halblegale Hawala-Geldtransfersystem abgewickelt werden.

Um den Arbeitern zu helfen, wollen jetzt Menschenrechtler westliche Unternehmen an ihrer Ehre packen. Der erste Testfall ist die Guggenheim-Stiftung, die in Abu Dhabi ein Museum bauen will. Der Prestigebau soll zum Testfall werden, sagt Sarah Leah Whitson von der Menschenrechtsorganisation „Human Rights Watch“: „Wir wissen, wie Bauarbeiter in den Emiraten missbraucht werden“, sagt sie. Und wenn die Guggenheim-Stiftung das genauso machen werde, setze sie den Ruf des Guggenheim-Museums aufs Spiel.

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