Gasstreit
Wer die Schuldigen im Gaskrieg sind

Der heiße Schlagabtausch in der Eiseskälte kannte bisher keine Gewinner, nur Verlierer. Die saßen zwar nicht in Kiew oder Moskau. Dort ist es zum orthodoxen Weihnachtsfest warm in den Hütten und Palästen, während die orthodoxen Brüder in Dörfern Serbiens und Bulgariens aus Gasmangel frostig bibbern. Doch nun kristallisiert sich allmählich ein Hauptschuldiger des Konflikts heraus.

BERLIN/KIEW/MOSKAU. Die ganze Nacht über versuchen Arbeiter des ukrainischen Versorgers Naftogaz, ein Einfrieren der Turbinen der gewaltigen Transit-Gaspipelines von Russland in den Westen zu verhindern. Die Angst geht am Donnerstagmorgen um, dass die wegen des russischen Lieferstopps kaum noch unter Druck stehenden Rohre bersten. Da feiert an der Moskwa ein Mann noch weiße Weihnacht. In seiner Heimatstadt St.Petersburg hat Russlands Premierminister Wladimir Putin zum Christfest seiner russisch-orthodoxen Kirche zwar nicht frei, doch am heiligen Tag hat der bekennende Bekreuziger Duzfreunde im Hause: Als "Djed Moros", dem griesgrämig, Ruten schwenkenden, weißbärtigen russischen Weihnachtsmann "Väterchen Frost", kommt in den Konstantins-Palast Gazprom-Chef Alexej Miller. Und dann der Gerd.

Mit Altkanzler Gerhard Schröder geht es aber nicht rund um den Christbaum, sondern gedanklich einmal durch die Ostsee. Schröder, mit 250 000 Dollar jährlich vergüterter Aufsichtsratschef des von Gazprom geführten Ostsee-Pipeline-Konsortiums Nord Stream, legt zusammen mit Putin gerade ein Bekenntnis ab: Warum gerade wegen des erneuten Gaskriegs mit der Ukraine eine Umgehung des störrischen Nachbarlandes und eine Röhrenroute durch das Meer nötig ist. Schon im Oktober 2011 und nicht erst 2013 gehe die unterirdische Stahlröhre ans Netz, verkündet der Mann aus Hannover gerade stolz. Da patzt Putin im Pipeline-Poker.

Russland werde erst wieder Transit-Erdgas für Europa Transit pumpen, wenn internationale Beobachter dort sicherstellten, dass die Ukraine nicht weiter russisches Erdgas stehle, entfährt es dem Eisernen. So nannten seine Landsleute Putin durchaus ehrfurchtsvoll während dessen Kreml-Herrschaft. Und auch jetzt wieder macht der Machtmensch aus Moskau deutlich, wer die allgemeinverbindlichen Akzente setzt: Er.

Zwar hört sich seine Erklärung zunächst an, als sei sie Moskauer Mainstream. Doch "Tschortik", das russische Teufelchen, steckt im Detail - und lässt die Kremlfassaden bröckeln.

Denn die offizielle Lesart lautet: Russland liefere, die Ukraine habe die Schotten gen Westen dichtgemacht. Und nun redet plötzlich jemand von "Wiederaufnahme" der Lieferungen. Und das auch noch Moskaus mächtigster Mann.

Die monatelang aufgebaute Kreml-Strategie kollabiert. Allerdings auch weil Gazprom-Chef Miller als enger Putin-Vertrauter, nun bereits zum zweiten Mal, als falscher Stichwortgeber der aggressiven Töne assistiert. Doch wer Miller schon ein paar Jahre kennt, weiß, dass er nichts ohne seinen "ewigen Vorgesetzten" ausheckt: Putin diente der noch immer nur in Gegenwart seines Labradors glücklich wirkende, mächtigste Gasmanager der Welt seinerzeit als besserer Bürobote - als Putin noch als Vizebürgermeister die Geschicke seiner Millionen-Metropole an der Ostsee lenkte.

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