Gastbeitrag
Wie aus einem Investmentbanker ein Aussteiger wurde

Das Leben als Investmentbanker bedeutet Druck von innen und von außen und ein stets gefülltes Arbeitszeitkonto. Rudolf Wötzel blickt zurück auf seine Zeit als stromlinienförmiger Karrierist bei der Deutschen Bank.
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Arbeitszeit in meinem „alten“ Leben als Investmentbanker: Eine unselige Mischung aus Druck von innen und von außen als Superdünger für das Arbeitszeitkonto. Da wuchs eine riesige Zwiebel, Schicht an Schicht. Wenn ich die heute im Rückblick schäle, treibt es mir mit jeder weiteren Häutung mehr Tränen in die Augen.

Zunächst die Außenschale: die reine, tatsächlich erforderliche Zeit, um einen Job ordentlich, konzentriert und gewissenhaft zu erledigen. Das vertraglich vereinbarte minimale Pensum ist da durchaus eine sinnvolle Leitlinie. Doch es ist das Selbstverständnis erfolgreicher Menschen, dieses Maß verächtlich beiseite zu schieben. Die Frage ist nicht vertragliche Arbeitszeit plus X, sondern 24 Stunden Tageszeit minus Y.

Die erste Schale aus freiwilliger zusätzlicher Arbeitszeit: das Produkt aus Unsicherheit über eigene Leistung mal vorauseilender Gehorsam mal persönlicher Ehrgeiz. Besonders am Anfang der Karriere sind wir hier sehr anfällig. Wer weiß schon, ob er im eben begonnenen Traumjob bestehen kann? Also mal lieber Vollgas geben. Wer kennt nicht diese stromlinienförmigen Karrieristen, die immer einen Schritt schneller spüren, was von ihnen erwartet wird? Und wer packt sich nicht selber an der Nase und gesteht: Ja, der größte Treiber in meinem Karrierestreben und Karriereleiden ist mein eigener Ehrgeiz?

Diese Strategien helfen, uns am unteren Ende der Fresskette gut festzubeißen und die Attacken nach oben vorzubereiten. Sie führen uns über längere Zeit möglicherweise an die Spitze, wahrscheinlicher aber in den Verlust unserer Autonomie, in sinnfreies Schuften und tiefe Lebenskrisen. Spätestens dann, wenn wir den eigenen Leistungszenit überschritten haben.

Die nächste Schale bildet sich im Wettbewerbsdruck unter Kollegen. Der Vergleich mit anderen ist ja etwas sehr Menschliches. Wenn es in der typischen Konzernwelt einen allgemein anerkannten, perfekt messbaren und vergleichbaren, für jeden verständlichen, im hohen Maße sichtbaren Indikator für außergewöhnliche Leistungs- und Leidensbereitschaft gibt, dann ist es die schiere Zeit, während der wir Bürostühle, Konferenzstühle, Autositze und Flugzeugsitze im Dienste der Firma plattsitzen. Die Bereitschaft zur „extra hour“ als kulturstiftende Einstellung, als höchste Form der Loyalitätsbekundung.

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Wie aus einem Investmentbanker ein Aussteiger wurde

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Der Chef als unerreichbare Vorbildrolle

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Arbeit als reife, süße Frucht

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