Gastbeitrag zur Griechenland-Krise

Bis zum bitteren Ende

Die Euro-Rettungspolitik hat bei Griechenland schon zweimal versagt, sagen die Ökonomen Matthias Weik und Marc Friedrich. Dennoch hält die Politik stur an diesem Muster fest – mit katastrophalen Folgen für Europa.
  • Matthias Weik und Marc Friedrich
84 Kommentare
Marc Friedrich (links) und Matthias Weik sehen keine Zukunft für Griechenland im Euro. Quelle: PR
Die Ökonomen Friedrich und Weik

Marc Friedrich (links) und Matthias Weik sehen keine Zukunft für Griechenland im Euro.

(Foto: PR)

Wir wissen nicht, wie es Ihnen geht, aber wir sind fassungslos und schockiert. Nach dem die Medizin der Euro-Rettungspolitik schon zweimal katastrophal versagt hat, soll sie nun in Griechenland trotzdem ein drittes Mal verabreicht werden. Hierzu fällt uns kopfschüttelnd nur ein Zitat von Albert Einstein ein: „Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.“

Wie befürchtet hat sich abermals eine politische Lösung durchgesetzt und damit ist es wieder lediglich eine teure Rettung auf Zeit. Der absolute ökonomische Wahnsinn geht in die bereits dritte Runde! Und wir sind uns jetzt bereits sicher, dass dies nicht die letzte, teure Rettung sein wird. Nach dem dritten Hilfspaket wird es ein viertes, fünftes, etc. geben. Griechenland wird mit dem Euro niemals wieder wirtschaftlich auf die Beine kommen und seine Schulden werden weiter drastisch steigen.

Der politische Albtraum der Währungsunion wird von der dogmatischen Politik weiter künstlich am Leben erhalten und das, obwohl alle Indizien seit Jahren das Scheitern dieses Währungsexperiments anzeigen. Obwohl Griechenland zu 100 Prozent pleite ist, will keiner die Realität akzeptieren und das Land in den erlösenden und heilsamen Bankrott schicken. Nun stehen wir endgültig vor dem Scherbenhaufen der EU und des Euro. Jedoch möchten dies viele unserer Politiker immer noch nicht wahr haben. Es wird erneut der bequemste Weg gewählt, und gegen den Willen der Wähler abermals teure Zeit erkauft.

Innerhalb weniger Tage explodierte die Summe, die Griechenland benötigt, von 17,5 Milliarden auf nunmehr 100 Milliarden Euro – und wir reden hier nur von den nächsten drei Jahren. Damit sind die 86 Milliarden, über die gegenwärtig abgestimmt und verhandelt wird, bereits jetzt schon veraltet. Wir sind uns sicher, dass auch diese astronomische Summe leider nicht reichen wird. Ferner werden damit die Ursachen und Probleme nicht im Ansatz gelöst, sondern bloß die notwendigsten Löcher gestopft.

Das meiste Geld wird für den Schuldendienst verwendet und damit keine wirtschaftliche Stimulanz auslösen, die Griechenland und seine Bürger so dringend benötigen. Es werden weiterhin alte Schulden mit neuen Schulden bezahlt und ein Rettungspaket wird durch ein neues Rettungspaket abgelöst. In drei Jahren wird der griechische Finanzbedarf noch größer und die Schuldenberge weiterhin gigantisch hoch sein.

 

Das erste Entwicklungsland der Euro-Zone
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84 Kommentare zu "Gastbeitrag zur Griechenland-Krise: Bis zum bitteren Ende"

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  • richtig in der Bewertung und doch ganz falsch:
    "hat sich abermals eine politische Lösung durchgesetzt"

    Die Verunglimpfung, was nicht finanzmathematische Ökonomie ist, sei "politisch", verhindert den Zugang zu jedem echten Lösungsweg.
    Es gab bisher nicht mal ansatzweise den Versuch einer politischen Lösung.
    Das Politische leitet sich eben nicht vom Amt oder einer Kaste ab, sondern kommt von Polis und hat das konstituierende Qualitätsmerkmal der Ganzheitlichkeit der Betrachtung. Nicht der kleinste gemeinsame Kompromiss im Gewirr von Eigeninteressen ist politisch, sondern die Abwägung des Gesamtvorteils für alle (ohne Ausschluss) in der Gesamtheit aller Lebensfaktoren. Ganzheitlichkeit lässt sich also weder mit einem Teil vom Ganzen noch mit der Reduktion auf finanzmathematische Ökonomie mit aus statistik gewonnenen Algorithmen reduzieren. Die Gesamtheit wäre hier das Bedingungsgefüge des gesamten Euroraums und nicht eine Kanzleistube in Brüssel.

  • ... mag man so viele Beiträge im Forum für richtig und gut halten, 3 Gründe, die nur selten genannt werden, sind der "Primär-Überschuss" der ganzen Diskussionen:
    1.) USA = NATO wollen unter allen Umständen die Basen in Griechenland halten.
    2.) Bei einem GREXIT könnte Griechenland "falsch" in der EU abstimmen (Putin)
    3.) Nach einem Schuldenschnitt werden bei allen €-Staaten in irgend einer Weise die
    Bürgschaften gezogen oder haushaltsmäßig ausgewiesen. - und das will ja wohl
    niemand !!!

  • ... aber mit österreichischen Wurzeln ....

  • Die Autoren kritisieren die Austeritätspolitik zu Recht, haben aber offenbar keinen brauchbaren Vorschlag für eine Alternative. Wenn ich den Vorschlag eines Schuldenschnitts zuende denke, soll er offenbar nur die Voraussetzung dafür sein, die Poltik der Konjunkturankurbelung durch die Aufnahme neuer Schulden wieder von vorne beginnen zu können - also genau die Politik zu betreiben, die in die Katastrophe geführt hat. Konjunkturpolitik durch Staatsausgaben, die durch Neuverschuldung finanziert werden, ist künftig praktisch in keinem Land mehr möglich. Hier braucht es neue Einsichten.

    Die Einführung des Euro war richtig, nur die Währungspolitik, die seither gemacht wurde, war nicht angemiessen. Sie führte zu steigender Arbeitslosigkeit, weil zu niedrige Inflationsziele gesetzt wurden. Lösungsansätze, die auf diesen Einsichten aufbauen, finden sich auf http://sffo.de/sffo/positionen.html.

  • Griechenland kann und soll mit den erpressten Reformen nicht gerettet werden, sondern unser Schuldgeldsystem.

    Griechenland ist nicht das Problem, alle Staaten sind verschuldet, viele so hoch, daß sie ihre Schulden niemals zurückzahlen werden.
    Ob USA, Japan, Deutschland, Portugal , Belgien (Verhofstadt !), Spanien, Italien etc. etc. nur Billionen und Milliarden Schulden.

    Die Ursache ist das Schuldgeldsystem mit dem Zinseszins. Geld entsteht nur durch Schulden und die vermehren sich durch den Zinseszins exponentiell. Auf der anderen Seite entstehen gleich hohe Guthaben. Das erklärt, dass die Vermögenden nicht trotz sondern gerade wegen der Krise immer reicher werden.

    Das System funktioniert nur, wenn immer neue Schulden gemacht werden, sonst bricht es zusammen. Wie ein Schneeballsystem. Darum wird immer mehr Geld einfach durch einen Buchungssatz aus dem nichts „erschaffen“ und in den Markt geworfen.

    Sparen bei den Schuldnern funktioniert da nicht, auch Brüning hatte das 1932 schon versucht, die Folgen waren katastrophal.
    Vielleicht sollte man wie Roosevelt den Spitzensteuersatz auf 79% erhöhen, auch eine Vermögenssteuer wäre schon hilfreich.

    Wir müssen unser Geldsystem ändern, es ist nicht alternativlos.
    Zitat Einstein:
    Eine wirklich gute Idee erkennt man daran, dass ihre Verwirklichung von vorne herein ausgeschlossen erscheint.

  • Leider, Frau Geppert, ist das mit dem „Hintergrundwissen über Griechenland“ und den „wahren Schuldigen“ so eine Sache und sie belassen es ja auch bei der vagen Anmerkung. Nicht zuletzt, weil Sie im Detail eine andere Meinung haben werden, als - wie mir scheint – der überwiegende Teil der Bevölkerungen in den „EU-Nordländern“, welche bislang die Zeche für das Versagen von Banken, der Troika, aber selbstverständlich auch der griechischen Gesellschaft zahlen. Das Land erhält seit den 80er Jahren gigantische Subventionen als Struktur- und Kohäsionsfonds bis hin zu mehreren „Rettungspaketen“. Man hat nichts daraus gemacht. Vieles wurde veruntreut oder versickerte ohne Effizienz. Obrigkeiten werden von Völkern gewählt. In Hellas hat man die Regierungen gewählt, die in Griechenland die großzügigsten Renten der Weltgeschichte eingerichtet haben (Baseler Zeitung vom 11. Juli 2015). Bereits am 29. April 2010, als das erste Hilfspaket für Athen hektisch diskutiert wurde, sagte der Ökonom und Spezialist für Südosteuropa bei der „Hellenische Stiftung für Europäische und Internationale Beziehungen“ (ELIAMEP) in Athen, Dr. Jens Bastian, im Bayerischen Rundfunk/Bayern 2: „Die tiefe Krise in Griechenland ist das Ergebnis gesamtgesellschaftlicher Verantwortungslosigkeit der letzten 20 Jahre“. Die Unterstellung vom an dem Desaster unschuldigen griechischen Bürger ist eine Mär. Ich könnte das an vielen, allerdings die Position von Kommentator Herbertz stützenden Beispielen und Zusammenhängen untermauern. Alleine dazu fehlt mir die Zeit.

  • Wie wahr der Artikel der beiden Herren doch ist. Bis zu biteren Ende werden die Wahllemmige Europas diese verantwortungslosen Politiker wählen . Das Geschwafel das mit dem Ende des Euros auch Europa untergeht ist nicht mehr zu ertragen! Der Euro hat niemals den Normalbürgern Europas gedient sondern nur der Großfinanz und den Konzernen. Was also treibt Merkel an den verfehlten Kurs der Europäischen Union weiter fest zu halten? Man möchte es nicht zu Ende denken. Die Zeit in der ich Frau Merkel als seriöse rational denkende Politikerin gewählt habe ist schon lange vorbei. Heute ist im Berliner Parlament keine Partei vertreten die ich wählen könnte!!!!!

  • Ich bin kein Unionsanhänger, u. a. deswegen, weil CDU und CSU [wie auch SPD und FDP] die für das Zusammenwachsen in Europa ebenso verheerende wie insgesamt wirkungslose Rettungspolitik - die zudem falsche Anreize setzt – von Beginn an maßgeblich mit zu verantworten haben. Gerne würde ich die LINKE für ihre Gegenstimmen loben, aber deren Motivation/Begründung ist eine ganz andere als das Nein der 60 Abtrünnigen der Union. Und nicht wirklich zielführend. Ein weites Thema. Immerhin ist die Partei inzwischen über den „richtigen Weg gegenüber Griechenland“ intern nicht mehr einer Meinung [http://www.fr-online.de/schuldenkrise/griechenland-grexit-spaltet-die-linke,1471908,31085066.html], aber das ist ein anderes Thema.

  • Das geht mir genauso, Herr Albers. Ich zahle auch schon 38 Jahre in Bayern Steuern und kann der "deutschen Schulden-Union" keinen Pfifferling abgewinnen. Nicht, weil ich geizig wäre (ich spende an wirklich bedürftige gerne und relativ viel), sondern weil sie falsche Anreize setzt.

  • Das ist Unsinn. GR hatte zu keinem Zeitpunkt einen Überschuss, auch keinen Primärüberschuss. Es hat nur einfach seine Rechnungen gegenüber seinen Beamten, Handwerkern, dem Stromanbieter usw. nicht bezahlt und auch keine Steuerrückzahlungen (Umsatz- bzw. Mehrwertsteuer) geleistet. DESHALB war dann auf einmal etwas übrig, was verlogenerweise (und jeder WUSSTE es!) als Primärüberschuss gefeiert wurde..
    Mit dem Rest Ihrer Argumente wird es sich bei näherer Betrachtung ähnlich verhalten.

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