Gastkommentar
Einen Grexit kann niemand in Europa wollen

Vor den dramatischen Folgen eines Grexits warnt Michael Heise, Chefvolkswirt der Allianz. Das geht auch an die Adresse von Tsipras, der heute Abend EU-Kommissionpräsident Juncker trifft. Mission: Griechland-Rettung.
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Immer mehr Stimmen werden laut, die sagen, dass ein reformunwilliges Griechenland keine Zukunft in der Eurozone habe. Die Befürworter eines Grexit argumentieren, dass der Austritt aus dem Euro nicht nur den Griechen die Eigenverantwortung für ihre Wirtschafts- und Währungspolitik zurückgeben würde, sondern auch die Eurozone mittelfristig stabiler machen könnte. Andere Länder wären zu größerer Disziplin genötigt worden, um das griechische Schicksal zu vermeiden.

Solche Argumente übersehen oft die Kosten, die durch einen Grexit entstehen würden, in erster Linie für die Griechen, aber auch für die gesamte Eurozone. Angesichts dieser Risiken sind die politischen Kosten eines Kompromisses verkraftbar, die sowohl die Athener Regierung als auch die Gläubiger zu tragen hätten.

Seit vier Monaten ringt Griechenland nun schon mit den internationalen Kreditgebern um eine Einigung im Schuldenstreit. Bislang zeigt die griechische Regierung kaum Bereitschaft, auf Forderungen der Kreditgeber nach weiteren Reformen in den Bereichen Mehrwertsteuer, Rente und Arbeitsmarkt einzugehen. Zudem werden wieder mehr Ausgaben von der Regierung angekündigt, die zu neuen Defiziten im Staatshaushalt führen würden. Unter diesen Voraussetzungen wird es wohl kaum zur Freigabe der weiteren Hilfsgelder in Höhe von 7,2 Milliarden Euro aus dem aktuellen Hilfspaket kommen.

Athen ist aber dringend auf diese Finanzspritze angewiesen, denn allein im Juni muss Griechenland Kredite im Wert von 1,6 Milliarden Euro an den IWF zurückzahlen. Ohne ein baldiges Einlenken droht ein Staatsbankrott des Landes. Eine einvernehmliche Vereinbarung über einen Schuldenschnitt ist angesichts der Reformunwilligkeit der griechischen Politik nicht zu erwarten. Ohne massive Unterstützung durch die europäischen Partner und die EZB würde ein Staatbankrott aber fast zwangsläufig zu einem Ausstieg aus der Eurozone führen.
Eine Insolvenz und ein Ausscheiden Griechenlands aus der Währungsunion wäre für die verbleibenden Länder zwar mit erheblichen Belastungen und Risiken verbunden, doch ein Auseinanderbrechen der Eurozone ist nicht zu erwarten. Ansteckungsgefährdete Länder haben in den letzten Jahren Reformen umgesetzt und gefährliche Ungleichgewichte wie Leistungsbilanzdefizite stark abgebaut: So haben Irland und Portugal ihre EU-Hilfsprogramme erfolgreich beendet, der spanische Bankensektor hat sich erholt, und alle Peripherieländer sind 2014 auf den Wachstumspfad zurückgekehrt.

Zudem sind die europäischen Krisenmechanismen gestärkt und institutionelle Reformen vorgenommen worden, etwa durch die Einführung des Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM), den Beschluss der europäischen Bankenunion und den Ausbau der Regeln für die Kooperation der Wirtschaftspolitik. Die Bereitschaft der Europäischen Zentralbank (EZB), über das Staatsanleihekaufprogramm (PSPP und/oder OMT) Anleihen aufzukaufen, tut ein Übriges, um die Ansteckungsgefahr für andere Peripherieländer zu begrenzen.

Kommentare zu " Gastkommentar: Einen Grexit kann niemand in Europa wollen"

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  • @Klaus Hofer
    Ein schön aufgebauter, tiefschürfender und voll zutreffender Kommentar - schade, dass man im solchen Stil und Inhalt wenig in den Systemmedien lesen kann.

  • Dieser Gastkommentar ist ein unglaublicher Schmarrn. Kurzsichtig und amoralisch.

    Chefvolkswirt der Allianz? Auweia - Wie kann sich die Finanzindustrie unterstehen, im Jahr 8 nach Beginn der Krise so eine Visitenkarte auf den Tisch zu legen? Lernt ihr Kerle denn wirklich nie dazu?

    Die Griechen weigern sich seit vielen Jahren standhaft, die Euro-Spielregeln zu akzeptieren, und wollen seit der letzten Wahl auch noch den anderen Kindern den Ball wegnehmen und die Tore umwerfen. Also müssen die Griechen vom Spielfeld verwiesen werden. Schwerer ist das wirklich nicht.

    Die Kosten den Grexit?

    Wenn die Griechen tapfer bereit sind, ihren Teil des kommen Mühsals auf sich zu nehmen, sollten wir anderen uns mal besser nicht beklagen. Das Lehrgeld wird weh tun auf beiden Seiten, aber wir behalten wenigtens vorläufig die Hoffnung auf die Lebensfähigkeit unserer Währung. Und darauf, dass Verträge einzuhalten sind und Solidarität keine ewige Einbahnstrasse ist.

    Grexit oder Dexit.

    Koste was es wolle.

  • Dann sind wir schon 2 !

    ;)

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