Gastkommentar

Euro-Bonds - Die Frage ist wie, nicht ob

Heilsbringer oder Teufelszeug? Beim Thema Euro-Bonds könnten die Meinungen nicht unterschiedlicher sein. Dabei ist die Frage längst nicht mehr, ob wir gemeinsam für Staatsschulden haften, sondern wie wir es tun sollten.
  • Rudolf Hickel
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Prof. Dr. Rudolf Hickel ist Forschungsleiter am Institut Arbeit und Wirtschaft in Bremen. Quelle: Pressefoto IAW

Prof. Dr. Rudolf Hickel ist Forschungsleiter am Institut Arbeit und Wirtschaft in Bremen.

(Foto: Pressefoto IAW)

Die Einführung von Euro-Bonds ist in der Politik sowie der Wirtschaftswissenschaft heftig umstritten. Die Bandbreite der Bewertung reicht vom Befreiungsschlag bis zum Teufelszeug, ja zum "Zinssozialismus". Dagegen sehen die Pragmatiker in den Euro-Bonds im Vergleich mit den zuletzt immer wieder erweiterten Rettungsschirmen einen Beitrag unter vielen zur Stärkung des Euro-Landes durch einen Einstieg in die Fiskalunion. Wegen der Kontroverse besteht Aufklärungsbedarf.

Euro-Bonds sind Anleihen, die Mitgliedsländer in der Europäischen Währungsunion zur Finanzierung ihres staatlichen Haushalts einsetzen. Die Garantie für diese Bonds übernimmt die Gesamtheit der Euro-Länder. Durch die Gesamthaftung werden die Zinszahlungen an die Gläubiger sowie nach Ablauf der Laufzeit die Tilgung finanziell sichergestellt. Damit wird das derzeitige Prinzip, die Hilfen zur Staatsschuldenfinanzierung durch den Rettungsfonds (EFSF) an zahlungsunfähige Staaten wie Griechenland nationalstaatlich abzuwickeln, aufgehoben.

Der wichtigste Vorteil wird in der Übernahme der Verantwortung des gesamten Euro-Lands für die Staatsverschuldung vor allem in den zahlungsunfähigen Krisenländern gesehen. Das Zinsgefälle zwischen bestens und schlecht bewerteten Mitgliedsländern wird abgebaut. Damit lassen sich aus den Zinsdifferenzen keine Spekulationsgewinne zulasten hochverschuldeter Staaten mehr erzielen. Ein wichtiger Vorteil: Die Nachfrage nach Euro-Bonds auch als Anlagewährung gegenüber den US-Staatsanleihen auf den internationalen Kapitalmärkten wird groß sein. Beispielsweise wären die Euro-Bonds für die chinesische Notenbank als Anlageprodukte wichtig. Schließlich lassen sich durch eine einheitliche Ausrichtung der Nutzung von Staatsanleihen die heutigen Hilfen durch Rettungsschirme abbauen.

Im Katalog der diskutierten Nachteile stehen zwei Kritikpunkte ganz oben. Kritisiert wird die Höhe der Zinssätze für die Euro-Bonds. Diese repräsentieren einen Durchschnitt aus Ländern mit niedrigen Zinsen (Bestnote bei den Ratingagenturen) gegenüber den Krisenländern (Ramschstatus beim Rating) mit hohen Kosten der Kreditfinanzierung. Deutschland würde zu den Verlierern gehören. In einer Modellrechnung auf der Datenbasis von Anfang August werden für Deutschland der Zinsaufschlag mit 2,3 Prozent und die dadurch entstehenden Mehrausgaben auf 43 Milliarden Euro geschätzt. Dies ist jedoch das Ergebnis einer statischen Rechnung. Die Möglichkeit, dass weltweit akzeptierte Bonds gegenüber der mechanistischen Durchschnittsbildung wegen deren Attraktivität mit niedrigeren Zinssätzen zu verkaufen sind, wird übersehen.

Wer übernimmt das Schuldenmanagement?
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53 Kommentare zu "Gastkommentar: Euro-Bonds - Die Frage ist wie, nicht ob"

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  • Es wird zuwenig über die Auswirkung won EBs im "wirklichen Leben" nachgedacht, will sagen über die Staats- und Banken finanzen hinaus. Ich hatte das schonmal in meinem früheren Kommentar (ziemlich oben) versucht: 2,3 Prozentpunkte höheres Zinsniveau bewirken über die (privaten!) Finanzierungskosten rd. 50 Prozent Mieterköhung. - Vielleicht auch ein "Problemchen?".

    Das gilt natürlich nicht nur für den Immobilienmarkt, sondern ist fast verhindernd für _jede_ Investition.

    Es ist wohl keine Übertreibung, für den (hoffentlich nur hypothetischen) Fall _vollständiger_ Umwandlung aller Staatanleihen in EBs den ebenso vollständigen Zusammenbruch unserer Wirtschaft zu erwarten.

  • Wenn man weiß welchen Stallgeruch die Ratgeber haben, dann weiß man auch den Zweck der Ratschläge und braucht nicht unbedingt alle Details zu wissen!! Trifft fast immer zu.

  • Ob sich Hickel mal gefragt hat, warum Ggeorge Soros seit zwei Jahren so vehement für Eurononds trommelt? Hier nur eine Augustauswahl

    http://www.handelsblatt.com/politik/international/halbherziges-europa/4492748.html?p4492748=all

    http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,780338,00.html

    Vermutlich, weil ihm Euro und EU so sehr am Herzen liegen, wie hier zu lesen ist

    http://www.faz.net/artikel/C30563/montag-8-februar-geheimtreffen-der-hedge-fonds-30252007.html

  • Meine Einschränkungen - die Anderen durch das Übernehmen von DRITTEN - und - eine eigene Erfahrungswelt zu haben um die Fakten selektieren zu können - , wohl übersehen. Wie hoch jeweils der % Satz ist kann man ohne Kenntnis der Personen nicht einschätzen. Bei der Medienpräsenz wird das Denken immer weniger, eigenes Denken ist kompliziert und mit Mühe verbunden, da liegt das Problem.
    Mit den Dichtern und Denkern habe ich so meine Probleme, wenn man sich ihre Lebensläufe mal genau betrachtet.

  • Danke Alfons-Alias und Diamant für diese Aufklärungsversuche. Wir Deutsche sind halt doch ein Volk von Dichtern und Denkern. Nur, warum denken 99% der Kommentatoren hier das Gleiche? Wer schreibt da von wem ab? Aber egal, bei soviel Selbst-Bildung ist mir um die deutsche Zukunft nicht bange.

  • "die zugrunde liegenden Limits werden sowieso später alternativlos gekippt werden."

    Es macht wenig Sinn mit Hypothesen zu argumentieren.
    Es wird für 2012 auch der Weltuntergang voraus gesagt.

  • @ Brasso

    Na dann sind wir uns doch einig ;-)))

  • "Gegen die Einführung von Euro-Bonds steht die Sorge, dadurch würde das Euro-Land endgültig zu einer Haftungsunion.
    Diese Kritik übersieht, dass bereits Transferleistungen zur Stabilisierung des Euro-Lands eingesetzt werden."

    Unehrliche, falsche Polemik:
    Die bisherigen Transferleistungen sind einmalige, im Notfall jedesmal erneut zu beschließende Maßnahmen.
    Dagegen sind Eurobonds "ewige" Transferleistungen, die einfach immer fließen werden.
    Und das Geschwätz mit den "roten" Eurobonds ist verlogen, denn die zugrunde liegenden Limits werden sowieso später alternativlos gekippt werden.

  • @Diamant

    Mit "wohl geregeltem Eurobond" meine ich nicht nur eine Gesetzgebung zum Drangsalieren der Staaten, sondern auc eine Gesetzgebung zur Regulierung "der Märkte". Ich unterscheide bei den Märkten zwischen den institutionellen und den rein spekulativen. Den institutionellen, die eeuch meine Groschen verwalten, gönne ich einen ruhigen Hafen. Den spekulativen gönne ich NUR einen ruhigen Hafen.
    Was Merkel und Sarkozy, Politiker der Vergangenheit, sagen ist mir völlig schnuppe. Sie sagen nur das, was der Mainstream hören will. Gemacht wird zur Zeit was Ackermann und Konsorten will.

  • @ Brasso

    Zitat: "wohl geregeltem Eurobond"

    Und da liegt der Haken. Die die derzeit den Eurobond fordern und Merkel mit Ihrem NEIN so verdammen, wünschen sich meist den schnellen, ungeregelten Eurobond. Gemeinsame Anleihen, das sagte Sarkozy und Merkel, können aber erst am Ende eines gemeinsamen Europas stehen - nicht am Anfang. Erst wenn die Rahmenbedingungen stimmen sollte man darüber nachdenken.

    Banker und Anleger, die das sofort und ohne Grundbedingungen fordern sind die Zocker, die sich selbst in Grund und Boden spekuliert haben und nun den sicheren Hafen Eurobond (also alle haften für die Schulden einzelner) fordern. Der Schuß würde aber derzeit nach hinten losgehen, weil man damit die NOCH gut situierten Länder in den Strudel der Verschwendung mit hinein zieht.

    Ich hab nichts gegen gemeinsame europäische Anleihen - wenn denn die Rahmenbedingungen stimmen. Aber nicht vorher und nicht um jeden Preis!

    Allerdings sind wir von den richtigen Rahmenbedingungen noch Meilenweit entfernt.

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