Gastkommentar
Roubini warnt vor Rezession und Währungskrieg

Zwischen Märkten und öffentlichen Gütern muss ein neues Gleichgewicht gefunden werden, fordert Starökonom Nouriel Roubini. Das erfordere die Schaffung von Arbeitsplätzen, aber auch Eingriffe in die Besteuerung.
  • 9

DüsseldorfDie massive Korrektur der Aktienkurse signalisiert, dass die meisten hochentwickelten Volkswirtschaften am Rande einer W-förmigen Rezession (Double Dip) stehen. Bis letztes Jahr konnte die Politik immer wieder ein neues Kaninchen aus dem Hut zaubern, um eine wirtschaftliche Erholung auszulösen. Alles wurde probiert. Aber jetzt sind der Politik die Kaninchen ausgegangen. Die Fiskalpolitik ist sowohl im Euro-Raum als auch in Großbritannien ein Bremsklotz für das Wirtschaftswachstum.

Eine weitere Runde von Bankenrettungen ist politisch inakzeptabel und wirtschaftlich undenkbar: Die meisten Regierungen vor allem in Europa stecken derart in finanziellen Schwierigkeiten, dass Rettungsaktionen für sie unbezahlbar sind; tatsächlich heizen die staatlichen Ausfallrisiken derzeit Bedenken über die Gesundheit der europäischen Banken an, die den Großteil der zunehmend fragwürdigen Staatspapiere halten. Auch die Geldpolitik ist keine besondere Hilfe. Im Euro-Raum und in Großbritannien sind einer quantitativen Lockerung durch die über dem Zielwert liegende Inflation Grenzen gesetzt. In den USA dürfte die Federal Reserve eine dritte Runde der quantitativen Lockerung (QE3) einleiten, doch dies ist zu wenig und kommt zu spät.

Eine Währungsabwertung ist keine praktikable Alternative für alle hochentwickelten Volkswirtschaften: Sie alle brauchen eine schwächere Währung und eine bessere Handelsbilanz, um das Wachstum wiederherzustellen, aber sie können das nicht alle gleichzeitig haben. Auf die Wechselkurse zu setzen, um die Handelsbilanzen zu beeinflussen, ist ein Nullsummenspiel. Am Horizont drohen daher Währungskriege; Japan und die Schweiz schlagen derzeit erste Schlachten, um ihre Wechselkurse zu schwächen. Andere werden in Kürze folgen.

Währenddessen laufen im Euro-Raum jetzt Italien und Spanien Gefahr, ihren Zugang zu den Märkten zu verlieren, und auch der finanzielle Druck auf Frankreich wächst. Aber Italien und Spanien sind beide zu groß, um scheitern zu dürfen, und auch zu groß, als dass man sie retten könnte. Fürs Erste wird die Europäische Zentralbank einige ihrer Anleihen aufkaufen – als Brücke zur neuen Europäischen Finanzstabilisierungsfazilität (EFSF). Doch falls Italien und/oder Spanien den Zugang zum Markt verlieren, könnte die Kriegskasse der EFSF von 440 Milliarden Euro bis Ende 2011 oder Anfang 2012 aufgebraucht sein. Anschließend bestünde, sofern nicht der EFSF-Topf verdreifacht würde – ein Schritt, dem sich Deutschland widersetzen würde –, die einzig verbleibende Option in einer geordneten Zwangsumstrukturierung der italienischen und spanischen Schulden.

Seite 1:

Roubini warnt vor Rezession und Währungskrieg

Seite 2:

Strenge Aufsicht des amoklaufenden Finanzsystems

Kommentare zu " Gastkommentar: Roubini warnt vor Rezession und Währungskrieg"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Teil 1

    Nouriel Roubini ist einer von den ganz wenigen Denkern der durchblickt, wo die eigentliche Problematik liegt. Seine brilliante Analytik spricht für sich. Die Ursachen für die heutige Finanzkrise wurden bereits in den späten 90er Jahren gelegt. Ausgangspunkte: Washington und London. Die Beteiligten waren - vereinfacht gesagt - einige wenige, führende internationale Finanzinstitutionen. Alle Namen sind durchgehend bekannt und seit Jahren in den Schlagzeilen.

    Spätestens seit Frühjahr 2003 war die aufkommende Problematik auch im Bundeskanzleramt in Berlin bekannt: Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) und seine gesamte oberste Führungscrew wussten Bescheid, dass da etwas auf Deutschland, auf Europa, auf die gesamte Weltwirtschaft zurollt, dass es in dieser Form nocht nie gegeben hat. Das Stichwort hieß "bad banks". Der "Informant" von Schröder war nicht irgendein dahergelaufener Whistleblower, sondern ein der Top-Manager in der Finanzwelt: Der Schweizer Josef Ackermann, CEO Deutsche Bank. Weder Schröder noch sein Finanzminister Hans Eichel (SPD) wollten etwas von "bad banks" hören. Durch eine Indiskretion kam Ackermanns streng vertrauliche Information an die Öffentlichkeit. Ackermann explodierte förmlich wegen dieser Informationspanne. Diese hochbrisante Information wurde allerdings nur von relativ Wenigen zur Kenntnis genommen. Und nur ganz Wenige haben zum damaligen Zeitpunkt überhaupt verstanden, was für eine Bedeutung diese Information für die nächsten Jahre haben wird.

    Die Pleite von Lehman Brothers ist nur ein kleiner Teil dieser unglaublichen Entwicklung, an der jetzt vermeintlich die ganze Finanzkrise aufgehängt wird. Über hunderte kleinerer Banken, die in den USA mittlerweile Bankrott gegangen sind, spricht niemand. Noch schlimmer: Barack Obama versucht die Finanzkrise der EU mehr oder weniger in die Schuhe zu schieben, um von eigenen, innerstaatlichen Problemen in den USA abzulenken und zudem seine Wiederwahl sicherzustellen.

  • Fand ich auch drollig. Die Amis verdreifachen seit Lehman ihre Geldmenge, ohne dass der Wechselkurs das wiederspiegelt aber Roubini fällt vor allem die arme Schweiz ein, die gar nichts macht und einfach nur vom deutschen Euro-Flüchtlingsstrom erdrückt wird. Naja, wahrscheinlich ist Roubini Patriot und pisst nicht ins eigene Nest. Wenn man sowas nicht übertreibt, ist das ja sogar sympathisch und unsere Grün- und Rotlinge mit ihrem streberhaft vorauseilenden euromantischen Eurobond-Dummmfug könnten sich noch was abgucken.

  • "Es scheint also, als hätte Karl Marx teilweise recht gehabt, als er argumentierte, dass Globalisierung, amoklaufende Finanzmittler und die Umverteilung von Einkommen und Vermögen von der Arbeit hin zum Kapital den Kapitalismus zur Selbstzerstörung führen würde."

    Ja ich als Ex-Ostler erlebe auch ein Deja-vu nach dem anderen. Damals fragte ich mich immer von welchem Raubtierkapitalismus die DDR-Propaganda faselte, kamen doch die schönsten Weihnachtsgeschenke per Westpaket von unseren Westverwandten (Putzfrau + Arbeiter).

    Und heute: die fallenden "Profitraten" allgemeiner gesprochen, die Grenzen des (quatitativen) Wachstums zeichnen sich immer deutlicher ab. Konzentrationsprozesse ergeben kaum noch Synergien und sind fast ausgereizt. Der Substanzverzehr beginnt bereits. Wenn es nicht eine massive Zerstörung (Krieg) gibt auf deren Boden wieder organisches Wachstum möglich wäre, kann das System so nicht mehr weiter bestehen.

    Auch die durch das System gefesselten Produktivkräfte sind offensichtlich. Ein zunehmendes Potential an Menschen liegt brach bzw. wird per Verschuldung, die demnächst an ihre Grenzen gerät in Arbeit gehalten. Der rein kapitalistische Markt schafft es nicht Angebot und Nachfrage zu einer wirtschaftlichen Aktivität zusammenzuführen.

    Ebenso die leistungslose und vor allem systembedingte Umverteilung von unten nach oben, die erschreckende Ausmaße angenommen hat und durch Schäubles ESFS/ESM Ermächtigungsgesetz sogar die Demokratie (Haushaltshoheit) in Frage stellt und den Rechtsstaat durch hemmungslosen Bruch von Verträgen (Maastricht) über den Haufen wirft, um Finanzganster weiter ihre betrügerischen Finanztricksereien zu ermöglichen.

    Schön das die "etablierte Ökonomie" langsam aufzuwachen scheint und über ihre oberflächliche Quacksalberei des Gelddruckens, Deficit Spending und Marktradikalismus in neue alte Tiefen vorstösst.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%