Gastkommentar

„Teuere Energie führt zu Europas Deindustralisierung"

Seit einem Jahrzehnt nimmt die Deindustrialisierung in Europa dramatisch zu. Für EU-Energierkommissar Günther Oettinger kann nur eine kluge Energiepolitik diese Entwicklung stoppen.
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Strom wird in Zukunft als Energiequelle für die Wirtschaft eine bedeutende Rolle spielen. Quelle: AFP

Strom wird in Zukunft als Energiequelle für die Wirtschaft eine bedeutende Rolle spielen.

(Foto: AFP)

Eine starke industrielle Basis ist unverzichtbares Fundament für Wohlstand und ökonomischen Erfolg in Europa. Die industrielle Wertschöpfung ist Ausgangspunkt für die Entwicklung der Dienstleistungssektoren. EU-Staaten mit stärkerem industriellen Sektor sind vergleichsweise besser durch die Wirtschafts- und Finanzkrise der vergangenen Jahre gekommen.

Allerdings ist die industrielle Wertschöpfung in der EU in den vergangenen zehn Jahren kontinuierlich gesunken. Europa befindet sich längst in einer Phase der Deindustrialisierung. In einigen Mitgliedstaaten war der Rückgang dramatisch, in anderen Mitgliedstaaten war die Entwicklung vergleichsweise stabil, etwa in den Niederlanden, Österreich und Deutschland.

EU-weit reduzierte sich der Anteil der industriellen Wertschöpfung am Bruttoinlandsprodukt von rund 22 Prozent in 2000 auf etwa 18 Prozent in 2010. Wenn Europa sein Wohlstandsniveau halten will, muss es seine industrielle Basis erhalten und ausbauen. Wie schaffen wir es, industrielle, technische und handwerkliche Wertschöpfung in Europa zu halten und in den Bereichen auszubauen, wo sie abnimmt?

Dabei macht es keinen Sinn, zwischen "alten" Industrien auf der einen und "grünen" Industrien auf der anderen Seite zu unterscheiden. Energieintensiv gefertigte Produkte sind unverzichtbare Grundlage für Zukunftsbranchen: Ohne Stahl kein Windrad, ohne Aluminium oder Kupfer kein Stromkabel. Energieintensiv hergestellte Produkte tragen in ihrer Anwendung maßgeblich dazu bei, Energie zu sparen, z. B. Dämmstoffe oder effiziente Reinigungsmittel. Die Verwendung von Aluminium in Fahrzeugen reduziert deren Gewicht und senkt den Energieverbrauch. Europa muss daran arbeiten, industrielle Produktion entlang der gesamten Wertschöpfung zu behalten. Wir brauchen eine Strategie für die Reindustrialisierung Europas.

Was die schwarz-gelbe Energiewende kostet
Protest gegen Atompolitik vor dem Kanzleramt
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Was die geplante Energiewende der schwarz-gelben Bundesregierung am Ende kosten könnte, ist nur grob absehbar. Nach bisherigen Erkenntnissen könnte das frühere Abschalten den Haushalt von Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) mit rund zwei Milliarden Euro pro Jahr belasten.

Kernkraftwerk Emsland (KKE)
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Bis zu einer Milliarde Euro weniger im Jahr nimmt der Bund aus der Brennelementesteuer ein, sollten acht abgeschaltete Meiler - wie von der Koalition beschlossen - endgültig nicht mehr ans Netz gehen. Ob es aber bei den dann bis 2016 veranschlagten 1,3 Milliarden Euro pro Jahr bleibt, ist unklar.

Zentrale Eon
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Denn mit Eon hat der erste der vier Atomkonzerne Klage gegen die Steuer angekündigt. Bisher ist noch kein Cent aus der Brennelementesteuer an die Staatskassen geflossen. Darüber hinaus pocht Eon auf einen Ausgleich für Vermögensverluste, die dem Unternehmen und seinen Aktionären durch die Koalitionsbeschlüsse entstünden.

Brennelementesteuer bleibt erhalten
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Allein der größte deutsche Kernkraftbetreiber geht davon aus, dass durch den Ausstieg bis Ende 2022 und die endgültige Stilllegung von Atommeilern ein Schaden in zweistelliger Milliarden-Höhe entsteht.

Restlaufzeit Kernkraftwerke - Isar 2
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Zudem fehlen dem Bund jährlich 900 Millionen Euro. Denn entgegen ursprünglichen Plänen sollen die Einnahmen aus der Versteigerung von Verschmutzungsrechten (Kohlendioxid-Emissionszertifikate) vollständig in den Klima- und Energiefonds fließen. Dies ist nötig, da fest eingeplante Zahlungen der Stromkonzerne in den Fonds wegfallen. Denn die im Herbst beschlossene Laufzeitverlängerung wird zurückgenommen.

Keine direkten Kaufanreize fuer Elektroautos - Bundesregierung will eine Milliarde fuer Foerderung bereitstellen
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Über den Klima- und Energiefonds will der Bund die Elektromobilität fördern. Auch soll daraus die energieintensive Industrie stärker entlastet werden - mit rund 500 Millionen Euro. Im Koalitionsbeschluss heißt es allerdings, dass „gegebenenfalls auch darüber hinaus aus dem Bundeshaushalt“ eine Kompensation möglich ist. Hier dürfte aber auch die EU-Kommission noch ein Wort mitreden.

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Schließlich wird das KfW-Kreditprogramm zur Gebäudesanierung auf jährlich 1,5 Milliarden Euro aufgestockt. Das trifft aber nicht den Bundeshaushalt. Denn die Subvention über zinsgünstige KfW-Darlehen soll ebenfalls über den Klima- und Energiefonds laufen.

Ein zentrales Element einer solchen Strategie muss die Energiepolitik sein. Für Unternehmen sind die Faktoren Energiepreise und Versorgungssicherheit von zentraler Bedeutung für die Standortwahl. In zahlreichen Branchen sind die Preise für Energie und Rohstoffe längst wichtiger als Arbeitskosten. Gleichzeitig verschieben sich die globalen Gleichgewichte. So stehen etwa die USA dank niedriger Energiepreise vor einer Reindustrialisierung. So ist der Gaspreis infolge der boomenden Förderung von unkonventionellem Gas in den USA heute um zwei Drittel niedriger als in Deutschland.

Die Elektrifizierung der Wirtschaft schreitet voran
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30 Kommentare zu "Gastkommentar: „Teuere Energie führt zu Europas Deindustralisierung""

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  • Genau genommen: Freihandel (und Monetarismus der Chicagoer Schule der Volkswirtschaft, nach Milton Friedman mit seiner Angebotspolitik) führt zu einer Deindustrialisierung....

    USA

    http://theeconomiccollapseblog.com/archives/19-facts-about-the-deindustrialization-of-america-that-will-blow-your-mind

    Peak Oil

    http://www.fromthewilderness.com

    Für eine Reindustrialisierung

    http://www.bueso.de

    Manfred Julius Müller

    http://www.neo-liberalismus.de

    http://www.anti-globalisierung.de

  • Der merit-order Effekt bewirkt langfristig keine konstante Preisminderung an den Strombörsen, er kann sich prinzipiell uU. preissteigernd auswirken. Langfristig wird er nicht mehr funktionieren, weil die Privatwirtschaft keine Spitzenlastkraftwerke ohne staatliche Subvention mehr bauen wird. Uu. zahlt der Staat auch noch Strafgelder, wenn die AKW-Betreiber Entschädigungen erhalten müssen. Das Endlager muß trotzdem gebaut werden, kostet auch Geld, auch wenn man keine AKW*'s mehr hat. Der Strompreis an den Strombörsen beinhaltet nicht die Netzübertragungskosten.
    Deshalb ist diese Betrachtungsweise mM. nach Augenauswischerei / Volksverdummung!
    Sie berücksichtigt die deutlich höheren Stromgestehungskosten der Zukunft und diverse Nebeneffekte nicht. In den anderen Ländern sinken die Stromgesteheungskosten (AKW, Modernisiserung von konv. Kraftwerken, sinkende Gaspreise durch immer höhere Vorkommen weltweit), die Übertragungskosten bleiben stabil, in Deutschland wachsen sie. Die Gewinne der einheimischen Energieversorger reduzieren sich, die Steuren fallen nicht mehr an, auch ein Verlust für die deutsche Staatskasse! Unsere Wettbewerber: USA, China, BRIC lachen sich kaputt vor soviel Naivität! Die zyklische Klimaerwärmung kann durch Deutschland nicht beeinflusst werden. Sie wird kommen, egal wieviel Anhänger die nationalgrünistische Religion Deutschlands noch gewinnen kann.

  • Ist das nicht herrlich? Ich lebe auf der Sonnenseite von Deutschland. Dort sinken wie eine Grafik des statistischen Bundesamtes bis ca. Mitte 2010 zeigt, die Erzeugungspreise für Energie immer weiter. Auslöser ist u.a. der Merit-Order-Effekt durch erneuerbaren Energien und die Einsatzreihenfolge der Kraftwerke nach deren Stromerzeugungskosten geregelt. Der durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz vergütete Strom muss nach dem Willen des Gesetzgebers an der Strombörse (meist EPEX SPOT in Paris) vorrangig verkauft werden. Dann werden beginnend mit den niedrigsten Grenzkosten solange Kraftwerke mit höheren Grenzkosten zugeschaltet, bis die Nachfrage gedeckt ist. Daher steigert eine hohe Windstromproduktion das Angebot, verdrängt teure Kraftwerke und wirkt auf diese Weise preissenkend. Es profitieren vom günstigen Strom in erster Linie die Industrie sowie die Stromversorger, die am Spotmarkt Strom einkaufen. Darüber hinaus noch diejenigen die nur einen Bruchteil der EEG-Umlage zu Lasten der großen Masse zahlen müssen. Das sollten eigentlich nur rund 200 energieintensive Industriebetriebe sein, wurde aber mittlerweile auf ca. 2000 Firmen ausgedehnt. Peter Altmaier und Philipp Rösler haben sich kürzlich darauf verständigt den Kreis dieser „Erlauchten“ zu Lasten des Mittelstands, kleiner Betriebe und den Bürger noch zu vergrößern. Die Abschaffung dieses Systems richtet sich vor allem gegen die energieintesive Industrie und führt in diesem Bereich möglicherweise tatsächlich zur Deindustrialisierung.

  • Standortbedingungen Deutschlands sind nicht nur die zu teuren Energiebereitstellungen, auch das uneffektive Bildungssystem,zu hohe Lebenshaltungskosten: Grundstückspreise, Mieten, Gesundheit... sind nachteilig. Die stark zergliederte Mittelstandswirtschaft, gerne als die tragende Säule Deutschlands dargestellt, hängt am Fördertropf des Bundes/der Länder.
    Deutschland ist rohstoffarm.
    Europa ist eine Region der Kleinstaaterei mit verschiedenen Sprachen, kaum zu beherrschen. Demgegenüber stehen Systeme wie Südamerika, Russland und Co, China, Indien, USA. Nur Afrika ist strukturell schlechter aufgestellt. Russen, Chinesen, Amerikaner identifizieren sich gern mit den jeweiligen Erfolgsgeschichten ihrer Länder. Daraus entwickelte und entwickelt sich immer wieder auf's neu die Zielstrebigkeit, die man braucht, um am Ball zu bleiben und voranzukommen. Eine europäische Mentalität sehe ich nicht, ich kann mir auch nicht vorstellen, wie diese sein könnte.

  • Schuld an der Deindustrialisierung Europas und auch der USA sind die XXX völlig offenen Märkte xxx.

    Die Bereitschaft seine Märkte völlig zu öffnen ist quasi wirtschaftlicher Selbstmord und ethisch & ökologisch untragbar.

    Die offenen Märkte führen nur dazu, dass internationale Industrie, gehalten & gestützt von der Hochfinanz, dort produziert, wo ihnen am wenigsten Staat entgegensteht. Wo man Menschen sklavengleich ausbeuten kann und die Umwelt nach belieben ruinieren kann.

    Die offenen Märkte führen dazu, dass nationale Politiker durch Konzerne erpressbar werden.

    Europa sollte seine Interessen bei der WTO besser vertreten. ... aber da sitzen ja nur Lobbyisten (Kriminelle)...

  • Die EU richtet sicherlich Schaden an Wirtschaft und Wohlstand an. Man denke an REACH, man denke an Verbrauchsobergrenzen für Autos, das Glühbirnenverbot.

    Der grösste Schaden wird allerdings in Deutschland von den eigenen Politikern angerichtet. Der Amoklauf der Kanzlerin zur Abschaltung der umweltfreundlichen Kernkraftwerke hat Schaden in D und den Nachbarländern angerichtet. Aufgrund des Verbundnetzes mit dem Entfall Deutscher Kapazitäten steigen auch dort die Preise, Frankreich (Grundlaststrom aus umweltfreundlichen Kernkraftwerken) und Deutschland Kohlestrom für die Mittellast hatten reichlich Strom ausgetauscht.

    Preiswerte Energie erhöht den Volkswohlstand und ist für viele Industriebranchen notwendig.
    Erdgas ist in Deutschland international gesehen teuer und gibt keinen Wettbewerbsvorteil.
    Importierte Steinkohle ist in D teurer als in den Staaten die diese fördern.
    Die preiswerte Braunkohle ist ein grosser Wettbewerbsvorteil.
    Abgeschriebene Kernkraftwerke haben die niedrigsten Betriebskosten und ist demzufolge ein Wettbewerbsvorteil.

    Vandale

  • NICHT MioEUR, sondern MrdEUR, natürlich.

    Zahlen sind von 2011

  • O-Ton 'HotSix'
    ----------------
    Das einzige was zur völligen Deindustraliserung und Verelendung Europas führt, sind die Zinsen der Schuldenberge,
    ----------------

    Auf Deutschland kann das ja wohl nicht zutreffen, was Sie da schreiben.

    Für Staatsschulden in Höhe von 2.088,472 MioEUR wurden Zinszahlungen von 67,660 MioEUR geleistet. Das sind ganze 3,2%. Oder 2,6% des Bruttosozialprodukts.

    Bei einer Inflationsrate von 2,1% (Dez. 2011) sind das real ganze 1,1% oder 0,8% des Bruttosozialprodukts.

    Für die gesamte EU beträgt der Anteil der Zinszahlungen übrigens 2,9% BSP nominal und 0,9% BSP real.

    Und das soll zur "völligen Deindustraliserung und Verelendung Europas" führen?

    Es darf gelacht werden.

    ---------------------------

    [Zahlen eurostat/eigene Berechnungen]

  • "Die Verantwortung dafür tragen die "abschalten sofort" Schreihälse !!!"

    Nö.
    Die Verantwortung trägt die Politik,
    welche ganz offensichtlich, und für alle immer offensichtlicher absichtlich, d.h.: "mit Absicht" der Mehrheit des deutschen Volkes Schaden zufügt.

    Es wird absichtlich auf die Bremse getreten;
    absichtlich geht man an die Dinge so heran, daß sie gar nicht funktionieren können.
    Man will gegen jegliche Vernunft ein "Einheitsbrei-Europa", anstatt ein "Europa der zwei Geschwindigkeiten".

    Mit dem entsprechendem Engagement würde der Projektplan für die Energiewende längst stehen und sukzessive umgesetzt werden.

    Stattdessen tut man so, als müsste sich das Projekt finanziell selbst tragen - und demzufolge zwangsläufig die Strompreise steigen.
    Totaler Quatsch.
    Natürlich kann man durch hohe Strompreise auch Innovationen im Bereich der Energieeinsparung vorantreiben - und dadurch auch Wettbewerbsvorteile erlangen. Aber das sind nur überschaubare, kleine Schritte - welche größtenteils so oder so eingetroffen wären (viel Verbrauch in den Geräten sorgt z.B. auch für viel störende Abwärme: ganz egal wie viel der Strom kostet, wird dieser "eingespart").
    Die richtige technologische Revolution bringt erst die Möglichkeit des billigen Stromes.

    Diese Revolution dreht natürlich auch bei so manchem der allerreichsten Menschen auf dem Planeten den Geldhahn zu...
    ... und verringert deren Macht.
    (Ressourcenbeherrschung ist der Inbegriff von Macht ...)

  • Oettinger kann tatsächlich Ursache und Wirkung in einen richtigen Zusammenhang bringen. Bisher war es ja so, dass durch grüne Arbeitsplätze, das Märchen der Grünen, Wachstum entsteht. Da müsste man schon `mal ordentlich saldieren. Aber erklären Sie ´mal einer Künast oder einem Trittin was ein Saldo ist. Die Deindustrialisierung wird sich beschleunigt fortsetzen, weil selbst Ersatzinvestitionen in energieintensive Branchen nicht mehr erfolgen und in die BRICS usw. abwandern. Die Energie wird dann eben wo anders verbracht, schon ist Deutschland ein Musterknabe. Und dann kommt doch tatsächlich noch ein Ökonom Burda daher, der Deutschland eine Lohnkosteninflation verordnen will. Also immer schön auf die Grünen und abgefahrene Makroökonomiker hören, damit es mit dem deutschen Beschäftigungswunder endlich ein Ende hat. Burda kann dann zusammen mit Trittin einen neuen Sachverständigenrat gründen: Es heißt dann nicht mehr wie früher "Wege zu mehr Beschäftigung" (echter Titel) sondern: "Weg mit den Arbeitsplätzen dank höherer Löhne und teurer Energie. So schaffen wir die Wende." Zu Burda mehr in der FAZ vom 15.07. 2012.

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