Gastkommentar
Wir müssen mehr wie die Deutschen sein

Der Chefredakteur der griechischen Tageszeitung „Kathimerini“ versteht, dass die Menschen wütend sind auf die Politiker, Frau Merkel, die Troika, die Banken. Doch jetzt ist es höchste Zeit, dass sich Athen neu erfindet.
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Die Griechen glaubten in den vergangenen 30 Jahren, sie könnten sich ihr Leben lang auf zwei Verträge verlassen: einen mit der Regierung, der jedem einen sicheren Arbeitsplatz im öffentlichen Sektor sicherte, den anderen mit der EU, der hohe Subventionen aus den Agrar- und Strukturfonds garantierte. Später kamen die billigen Euro-Anleihen dazu. Die letzten Jahrzehnte waren deshalb eine schöne Zeit – auch für die Deutschen und andere, die von der griechischen Party profitierten.

Dabei spreche ich nicht von den Gütern, die wir so selbstverständlich konsumierten. Ich meine beispielsweise die Pharmaunternehmen, die bis zum Anschlag Griechenlands korruptes und desorganisiertes Gesundheitswesen ausnutzten, um höhere Gewinne als in anderen Ländern zu realisieren. Und ich meine die Milliarden Euro, die in Waffenlieferungen und Schmiergelder flossen.

Dieses System ist kollabiert. Das Geld ist weg, das der EU und das von den Finanzmärkten. Natürlich sind die Menschen wütend über unsere Politiker, über das Establishment, über Frau Merkel, die Troika, die Banken. Wir sind eine stolze Nation mit einer langen Geschichte und ertragen nur schwer die internationale Kritik, die teilweise in Verleumdung der Griechen als faul und betrügerisch ausartet. Wir ärgern uns über die Titelseiten der Boulevardpresse in Deutschland, auf denen das Parthenon zum Verkauf steht.

Nun suchen wir nach einem Neuanfang, nachdem der Boden unter unseren Füßen weggebrochen ist. Wir fühlen uns sicher in der europäischen Familie, aber auch erstickt durch die energische Liebe der deutschen Führung, die manchmal in Hysterie umschlägt. Unser nationales Ziel ist es, die wirtschaftliche und politische Souveränität wiederzuerlangen. Aber es erfordert Zeit und Geduld, aus dem schwarzen Loch zu kommen, in das wir gefallen sind. Denn Staat und Verwaltung müssen von Grund auf neu gebaut werden. Dafür brauchen wir auch professionelle Hilfe und Führung.

Über den Privatsektor mach ich mir keine großen Sorgen. Die Griechen sind sehr anpassungsfähig und verstehen es, das Beste aus jeder Lage zu machen. Es ist ja kein Zufall, dass so viele Griechen im Ausland erfolgreich waren. Und eine neue Generation steht bereit, mit hohen Standards und kosmopolitisch.

Deutschland, Griechenland und die EU bewegen sich mit dieser Krise in unbekanntem Gelände. Die EU sucht nach ihrem Platz in der Welt, unter Sicherung des Sozialstaats und der Lebensqualität. Vielleicht finden die Deutschen das perfekte Modell für hohe Produktivität und wir für den Lebensgenuss. In den nächsten Jahren werden wir uns jedenfalls Ihrem Modell annähern, um zu überleben. Höheres Wachstum und Rückzahlung der Schulden werden uns hoffentlich durch mehr Professionalität und Qualität gelingen. Und Sie werden unserer Lebensweise näherkommen, wenn Sie uns im nächsten Sommer besuchen – darauf sind wir angewiesen.

Der Autor ist geschäftsführender Chefredakteur der Tageszeitung „Kathimerini“. Sie erreichen ihn unter: gastautor@handelsblatt.com


Kommentare zu " Gastkommentar: Wir müssen mehr wie die Deutschen sein"

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  • Dieser Herr arbeitet für die US-Botschaft...

  • Lieber Herr Redakteur, vielen Dank für ihre Einladung, um nach Griechenland zu kommen im nächsten Sommer. Dem würde ich ja gerne nachkommen, weil Griechenland ein schönes Land ist. Leider hat sich jedoch meine Regierung hier dazu entschlossen, die Schulden für andere Lânder zu übernehmen, auch wenn es mir total schleierhaft ist, warum eigentlich. Da diese Schulden also nun durch uns bezahlt werden, bereite ich mich gerade darauf vor, dass ich in den nächsten Monate ungefähr 30 % meines Einkommens verlieren werde durch Streichungen und Erhöhungen aller Art. Hinzu kommt dann noch die Inflation durch Ausweitung der Geldmenge. Diese wird momentan auf ca. 5 - 10 % jährlich geschätzt. Somit wird der Griechenlandurlaub nächstes Jahr wegen Mangel an Mitteln ersatzlos gestrichen und ist stattdessen Balkonien angesagt.
    Ich glaube wirklich, dass es noch nicht nach Griechenland durchgedrungen ist, was man den anderen Ländern der EU eigentlich angetan hat.

  • Woher nehmen einige Redakteure und zuviele Politiker
    die Redewendung: die Deutschen hätten von der griechischen Party patizipiert. Ich persönlich kenne niemanden!!!
    Warum diese unverfrorene Unwahrheiten?
    Zitat:
    Zwei Dinge sind unendlich:
    Das Universum und die menschliche Dummheit.
    Aber beim Universum bin ich mir nicht ganz sicher.
    Albert Einstein.

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