Gauck in Kolumbien
„Versöhnung statt Vergeltung“

Der Bundespräsident hat in einer Rede die Fortschritte in Kolumbiens Friedensprozess gelobt. Gleichzeitig mahnte Joachim Gauck aber auch einen Wechsel in den Reihen der Eliten an.
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BogotáBundespräsident Joachim Gauck hat die Fortschritte im kolumbianischen Friedensprozess gewürdigt und das südamerikanische Land zur weiteren Aussöhnung ermutigt. „Wir Deutschen finden, dass eine Menge getan ist“, sagte der Präsident am Donnerstag (Ortszeit) am Rande seines Besuchs in der Hauptstadt Bogotá. Grundsätzlich gelte: „Ohne Wahrheit wird es nie eine innere Versöhnung geben.“ Es müsse irgendwann klar sein, wer in dem südamerikanischen Land Täter und wer Opfer sei.

Zurückhaltend reagierte der Bundespräsident auf die Frage, wie sich Deutschland in den kolumbianischen Friedensprozess einbringen könne. „Ich möchte da nicht als Ratgeber auftreten, als hätte ich den Schlüssel, der die Tür zur Wahrheit aufschließt“, sagte er. Die Verhältnisse in Kolumbien seien auch wesentlich anders als in Deutschland nach dem Fall der Mauer und der Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit. „Hier stehen sich die Menschen in einer anderen Art von Todfeindschaft gegenüber.“

Gauck verwies auf das südafrikanische Modell, das hier eher Orientierung bieten könnte. Südafrika hatte in den Wahrheitskommissionen jenseits gerichtlicher Prozesse darauf hingearbeitet, dass klar wird, wer Täter und wer Opfer ist – und so dem Täter die Möglichkeit gegeben, sich zu entschuldigen, und dem Opfer die Gelegenheit, zu verzeihen. In Kolumbien verhandeln seit Ende vergangenen Jahres Regierung und Farc-Guerillas nach 50 Jahren blutigen Konflikts über einen Friedensprozess.

In einer Rede vor Studenten in Bogotá (Freitag) sagte Gauck laut Redemanuskript mit Blick auf Südafrika: „Die Lösung hieß Versöhnung statt Vergeltung. Amnestie gegen Wahrheit. Ohne diese Amnestie wäre es in Südafrika damals wohl zum Bürgerkrieg gekommen. Einen solchen Ausgleich könnten nicht ausschließlich Gerichte schaffen.“

Europa und Deutschland können dazu beitragen, dass sich in Kolumbien rechtsstaatliche Strukturen verfestigten. Hier gelte es auch, klar zu machen, dass Recht über Gewalt steht. Damit der Staat Glaubwürdigkeit zurückerhält, sei wohl auch ein Wechsel in den Reihen der Eliten notwendig, machte Gauck deutlich.

Beim Besuch Gaucks geht es auch um wirtschaftliche Zusammenarbeit. Die deutsche Wirtschaft sieht in Kolumbien große Wachstumschancen und einen erheblichen Investitionsbedarf. „Kolumbien hat heute stabile Investitionsbedingungen“, sagte der Vize-Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Hans-Peter Keitel, in Bogotá.

Keitel wies darauf hin, dass Kolumbien Teil einer Anden-Allianz sei. Diese wiederum sei eine Art Drehscheibe für Lateinamerika. Kolumbien öffne gerade seine Märkte, während in Brasilien oder Argentinien die umgekehrte Entwicklung festzustellen sei.

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

Kommentare zu " Gauck in Kolumbien: „Versöhnung statt Vergeltung“"

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  • Der Pastor und sein weltfremdes Geschwurbel. Da werden sich jetzt alle ganz doll bemühen. Mit postkolonialer europäischer Hybris kommt man da nicht weiter. Kehr erstmal vor der eigenen Haustür. Die europäische Gesellschaft steht vor der Spaltung und man hört nichts substantielles von ihm

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