Gaza-Konflikt
Die Angst der Intellektuellen

Der Krieg in Gaza ist in Israel populär, kaum jemand stellt ihn in Frage. Wer es doch tut – und nur von Waffenstillstand redet – gilt als Verräter. Und muss mit heftigen Reaktionen rechnen.

Tel AvivIn seiner Mail an seine Studenten wollte Professor Hanoch Sheinman eigentlich nur über einen zweiten Prüfungstermin informieren. Doch der Satz, mit dem der Experte für Recht und Philosophie seine Info einleitete, kam weder im Lehrkörper der Bar-Ilan-Universität noch bei seinen Studenten gut an. Er hoffe, schrieb Sheinman, dass keiner der Empfänger unter den Hunderten von Menschen sei, die getötet oder unter den Tausenden sei, die verletzt wurden oder unter den Zehntausend sei, deren Häuser zerstört wurden. Damit, das war allen klar, konnte der Professor nur die Palästinenser im Gazastreifen gemeint haben.

Seine Empathie für die Nachbarn im Süden löste eine Protestwelle aus, eine wahre Flut von Zuschriften. Der Dekan der juristischen Fakultät sah sich zu einer Reaktion gezwungen und distanzierte sich von Sheinman. Sheinmans Mail habe ihn „schockiert“, schrieb der Dekan, sie sei eine unangebrachte Ausnützung seiner Macht, die er als Dozent an der Universität habe. McCarthyismus (also die Verfolgung von Linken und Kommunisten in den USA unter Senator Joseph McCarthy in den 50er Jahren), der sich in den vergangenen Wochen in Israel ausgebreitet habe, kommentierte die Tageszeitung Haaretz, knabbere nun auch die akademischen Institutionen des Landes an.

Sheinman ist nicht der einzige, der mit kritischen Gedanken zum Gazakrieg einen Shitstorm auslöst. Israelische Künstler, die sich als Gegner des Vorgehens in Gaza outen, werden in den sozialen Netzwerken heftig attackiert. Das erlebte zum Beispiel die populäre Schauspielerin Orna Banai, nachdem sie in einem Interview gesagt hatte, sie bedauere die Toten auf beiden Seiten und sei gegen den Krieg in Gaza. Ähnlich erging es der Filmemacherin Shira Geffen, nachdem sie einen Brief von Berufskollegen unterschrieben hatte, in dem ein Ende des Kriegs in Gaza verlangt worden war. Da griff Kulturministerin Limor Livnat höchstpersönlich in die Tasten. Diese Regisseure seien „eine Schande für den Staat Israel,“ schrieb sie auf Facebook.

Geffen ließ sich nicht einschüchtern. Vor der Erstaufführung ihres Films ging sie auf die Bühne und las laut die Namen von palästinensischen Kindern vor, die kurz zuvor am Strand von Gaza getötet worden waren. Dann bat sie das Publikum, der Kinder stehend während einer Minute zu gedenken. Die Reaktion in den sozialen Medien fiel auch dieses Mal heftig aus. „Hat so eine Frau überhaupt Platz im Staat Israel? Verdient es so eine Frau, dass sie von Soldaten beschützt wird, während sie schläft?“

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%