Gaza spaltet die USA
„Lieber jetzt sterben als so weiterzuleben“

Die USA sind tief gespalten. Das Töten in Gaza nimmt kein Ende. Konservative Kräfte fordern bedingungslose Unterstützung für Israel, Liberale sehen hier genau das Problem. Präsident Obama steht zwischen den Fronten.

San FranciscoEin sonniger Samstag in San Francisco. Menschenmassen drängen durch die Einkaufstempel an der Market Street, Straßenmusikanten spielen auf, Touristen warten geduldig auf eine Cable Car an Powell Street. Dann stören plötzlich laute Sprechchöre die Idylle. „Stoppt das Töten“ schallt es aus hunderten Kehlen. Der Verkehr steht still, Demonstranten ziehen durch die Innenstadt und fordern, so wie in vielen Städten weltweit, ein Ende der Gewalt in Gaza.

Auf ein langes Band von Beginn des Protestzuges bis zum Ende haben sie Namen geschrieben. „Hussein Kawareh, 13, killed in Khan Youns“ steht darauf oder „Rashed Yassin, 27, killed in Nusseirat“. Das Band mit den Namen von mehr als 1000 getöteten Palästinensern reicht über zwei komplette Straßenzüge. Die friedliche Demonstration gerät nur einmal beinahe außer Kontrolle, als eine kleine pro-Israelische Gruppe die Demonstranten anfeindet. Polizisten drängen sie zur Seite, bevor die Situation vollends eskaliert.

Im Gazastreifen eskaliert die Lage weiter, von Waffenruhe bisher keine Spur. Auch die Forderung des Uno-Sicherheitsrats zu einer „sofortigen und bedingungslosenhumanitären Waffenruhe“ ist bisher nicht erfolgreich. Das mächtigste Gremium der Vereinten Nationen verabschiedete in der Nacht zum Montag eine entsprechende Erklärung mit den Stimmen aller 15 Mitgliedsländer. Fast zeitgleich telefonierte US-Präsident Barack Obama mit Israels Premierminister Benjamin Netanjahu und verlangte eine sofortige und bedingungslosen Feuerpause. Bisher hatte Israel hatte das abgelehnt, immer mit der gleichen Begründung: Die Hamas halte die Waffenruhe nicht ein. Und so geht das Töten bisher weiter. Und Obamas Einfluss schwindet, sein Land wird immer zerstrittener, je länger die Tragödie andauert.

Einen Abend vor der Demonstration in San Francisco hatte es nur wenige Häuser entfernt auf der Market Street eine emotionsgeladene Diskussion im Büro des Think Tanks Commenwealth Club gegeben. Mit dabei Jess Ghannam von der University of California in San Francisco. Der Doktor der Psychologie war erst im Dezember im Gazastreifen, versucht vom Krieg traumatisierten Kindern zu helfen. „Man muss das gesehen haben“, versucht Ghannam im Gespräch mit Handelsblatt Online zu beschreiben. „Kinder, die nicht mehr wachsen, tagelang kein Essen, keine Medizin, keine Arbeit, keine Würde, das Elend hat nicht erst vor drei Wochen begonnen.“

Aber eines sei anders gewesen als zuvor, merkt er an. Viele Menschen hätten ihm zu verstehen gegeben, sie seien nach sieben Jahren Blockade einfach am Ende: „Wir werden lieber jetzt mit Würde sterben als so weiterzuleben“, hätten sie klargemacht. Für ihn, der seit 25 Jahren in den Nahen Osten reist, hat die Situation einen Punkt ohne Wiederkehr erreicht: „Darum gibt es keinen Waffenstillstand“, so Ghannam. Er würde die Menschen nur dahin zurückführen, wo sie waren.

Für die Israelis wiederum ist die scheinbar unversöhnliche Gewaltbereitschaft im Gazastreifen Grund, ihrerseits ohne Gnade vorzugehen. „Wir werden alles Notwendige tun, um unsere Menschen zu schützen“, bekräftigte Israels Premierminister Benjamin Nethanjahu am Sonntag im US-Fernsehen. In Umfragen in Israel zeigen sich regelmäßig überwältigende Mehrheiten für den Einsatz der Bodentruppen im Gaza. Das gleiche Bild in den USA: Eine Umfrage von CNN brachte am 21. Juli eine Mehrheit von 57 Prozent, die die Aktionen der israelischen Armee für gerechtfertigt halten. Nur 34 Prozent sahen das nicht so. Allerdings glaubten vier von zehn Amerikanern schon, dass die Gewaltanwendung unverhältnismäßig hoch sei. Nur zwölf Prozent gaben an, Israel solle noch mehr Gewalt anwenden. Zu diesem Zeitpunkt lag die Zahl der Toten bei rund 550. Bereits doppelt so viele wie bei MH17.

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