Gaza-Streifen
Machtkampf mit Geschenkkanonen

Die radikal-islamische Hamas setzt zum medialen Bombardement an. Mithilfe eingeladener Journalisten will die Hamas der Welt zeigen, was die bislang nicht wirklich glaubt. Dass in Gaza jetzt wieder alles in Ordnung ist, nachdem die Hamas mit Gewalt die Kontrolle über die Region übernommen hat. Eine Bus-Tour durch den Gaza-Streifen.

GAZA. Der Empfang, den die Hamas den rund 40 Journalisten bereitet, ist perfekt: Gleich hinter der israelischen Grenzstation Erez, dort, wo der Gazastreifen beginnt, stehen zwei klimatisierte Reisebusse für die Reporter bereit. In blauem Anzug und mit roter Krawatte begrüßt der Sprecher des Innenministers in der Sommerhitze des Wüstenstreifens jeden persönlich. Schwarz gekleidete, bewaffnete Sicherheitsleute der von der Hamas gegründeten „Executive Force“ stehen daneben. Sie sollen ein „Das-Chaos-ist-vorbei-Gefühl“ vermitteln. „Bei uns ist jeder willkommen“, versichert der PR-Mann und zerstreut Bedenken, dass Reporter entführt werden könnten.

Und schon geht die Reise durch das „sichere, saubere und grüne Gaza“ los. Mit diesen euphorischen Worten war der Landstrich in der Einladung angepriesen worden. Mithilfe der angereisten Medienleute will die Hamas der Welt zeigen, was die bislang nicht wirklich glaubt. Dass in Gaza jetzt wieder alles in Ordnung ist, nachdem die Hamas mit Gewalt die Kontrolle über die Region übernommen hat.

Sitznachbar Mohamed Mansour, der in Gaza für die Fernsehstation Al Aksa englischsprachige Nachrichten präsentiert, ist begeistert. „Die Visite der internationalen Journalisten beweist, dass Gaza jetzt wieder sicher ist.“ Diese Botschaft werde er heute Abend seinen Zuschauern vermitteln. Wie groß sein Publikum ist, wie viele englischsprachige Personen nach Gaza zurückgekehrt sind, weiß hingegen niemand. Die meisten Ausländer hatten spätestens Mitte Juli Gaza fluchtartig verlassen.

Inzwischen hält der Bus ein erstes Mal: vor dem Haus von Ismail Hanija, der sich immer noch Regierungschef der Palästinensischen Autonomiebehörde nennt. Er hatte Mitte Juni nach einem blutigen Putsch die alleinige Macht in Gaza übernommen. Seither regiert hier die Hamas. „Unser Premier lebt in einem Flüchtlingslager, er will mit den Leute sein“, lobt der Sprecher, bevor wir den Bus verlassen. Und siehe da: Wie zufällig erscheint der Gepriesene volksnah auf dem geräumigen Balkon seines Einfamilienhauses.

Hinter den Wäscheleinen winkt er der Gruppe staatsmännisch zu. Er wirkt dabei so gelassen, als ob für ihn solche Zeremonien in den vergangenen Monaten Routine gewesen wären. Das Aufsehen, das die Besuchergruppe in der engen Gasse bei den Anwohnern erweckt, belegt hingegen das Gegenteil. Wenn Fremde auftauchen, kommt das schon fast einer Sensation gleich – so isoliert sind Gaza, die Hamas und Hanija. Die Hamas hofft auf Hilfe aus dem Ausland – hat aber inzwischen sogar den Kontakt zu arabischen Staaten verloren.

Für ein Gespräch ist Hanija nicht zu haben. Wir werden auf den Nachmittag vertröstet: „Beim Mittagessen könnt ihr ihm Fragen stellen“, heißt es. Und schon fährt Hanija in einem Mercedes mit verdunkelten Scheiben an uns vorbei, begleitet von einer Polizeieskorte.

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