Gazastreifen
Das Ende der Schmuggler

Der Gazastreifen bietet vielen Menschen nur Armut und Arbeitslosigkeit. Früher florierte zumindest das Schmuggelgeschäft durch illegale Tunnel an der Grenze zu Ägypten. Doch auch das ist vorbei.

Rafah/GazaDie Luft ist feucht und stickig 62 Meter unter der Erde. Farradh Olayan kauert zwischen Wänden aus Stein und Sand. Kabel schlängeln sich an der niedrigen Decke entlang. Der 19-Jährige gräbt mit einer Schaufel in dem zweieinhalb Kilometer langen Tunnel. Seit zwei Monaten repariert er mit seinem Cousin Mohammed den Schmugglergang der Familie von Rafah im Süden des Gazastreifens nach Ägypten. Die ägyptische Armee habe Meerwasser in den Tunnel eingeleitet und ihn teilweise zerstört, erzählen die jungen Männer. Damit ist erst einmal Schluss mit dem Handel von Zigaretten und Tabak.

Das einst boomende Schmuggelgeschäft an der Grenze zu Ägypten liegt brach. Rund 1600 Schmugglertunnel soll es vor fünf Jahren gegeben haben. Nun sind es vermutlich noch rund 20. Die anderen hat Ägypten zerstört. Dort gab es nach dem Sturz des islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi 2013 immer wieder Vorwürfe, dass die Mursi nahestehende und im Gazastreifen herrschende Hamas in Terroranschläge in Ägypten verwickelt sei.

Für viele der 1,9 Millionen Menschen in Gaza wird das Leben ohne Tunnel allerdings noch schwieriger. „Tausende Menschen haben dort gearbeitet“, sagt Adnan Abu Hasna vom Uno-Palästinenserhilfswerk (UNRWA) in seinem Büro in Gaza-Stadt. Die Tunnel hätten Jobs geschaffen. Waren wie Benzin seien zum Teil sehr günstig gewesen.

Vor rund zehn Jahren hat Israel eine Blockade über den Küstenstreifen verhängt, der nicht viel größer ist als der Stadtstaat Bremen. Israel wollte sich, so die offizielle Darstellung, wie Ägypten vor der radikalislamischen Hamas schützen. 2006 hatten deren Kämpfer einen israelischen Soldaten verschleppt. Im Jahr darauf übernahm die Hamas gewaltsam die Macht in Gaza. Seitdem haben die militanten Palästinenser rund 17.000 Raketen und Mörsergranaten auf Israel abgefeuert, wie die israelische Armee sagt.

Seit Beginn des Boykotts muss die Einfuhr von Produkten genehmigt werden - Baumaterial wie Beton war zeitweilig verboten. Nach einer Lockerung wird die Einfuhr inzwischen lediglich überwacht. Die Menschen bauten sich mit Beginn der Blockade ihr eigenes unterirdisches Import-Netzwerk auf, neben Beton auch für Zigaretten, Medikamente und selbst Autos. Aber auch die Hamas nutzte Tunnel, um sich Waffen und militärische Ausrüstung zu verschaffen.

Aber der Erde bestehen die letzten Meter vor der Grenze zu Ägypten aus gelblichem Sand. Es stinkt. Esel haben ihre Kothaufen hinterlassen. Hinter einem Erdwall sind die Wachtürme der Ägypter zu sehen. Auf dem Boden stehen Zelte, fast so groß und so weiß wie auf deutschen Volksfesten. Unter den Planen geht es in die Tiefe, in die Tunnel. Einige Zelte sind verwaist, in anderen wird geschweißt, gesägt und eben gegraben. Wer auf dieses Stück Land will, muss einen Kontrollposten der Hamas passieren. Die Organisation verdient durch Zölle und Lizenzen mit am Tunnelbau.

Israels Militär zerstörte im Gaza-Krieg 2014 zahlreiche Tunnel, die nach Israel führten. Ägypten hat mittlerweile sogar eine Sicherheitszone an der Grenze zum Gazastreifen geschaffen. Der jetzige Präsident Abdel Fattah al-Sisi ließ zudem den letzten legalen Grenzübergang schließen. Sein Vorgänger Mohammed Mursi gehörte der Muslimbruderschaft an, aus der die Hamas einst hervorgegangen war.

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