Gebührenhöhe
Britische Regierung bittet Studenten zur Kasse

Eine Reformkommission sieht vor dass die britischen Hochschulen selbst über Gebührenhöhe entscheiden sollen. Damit kommt es zur ersten Belastungsprobe für die konservativ-liberale Koalition – denn die Liberalen versprachen im Wahlkampf noch eine Abschaffung der Studiengebühren.
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LONDON. Britische Studenten sollen in Zukunft noch tiefer in die Taschen greifen und ihr Studium weitgehend ohne Hilfe des Steuerzahlers finanzieren. Eine vom ehemaligen BP-Chef John Browne geleitete Reformkommission will den Hochschulen erlauben, wie in den USA „marktgerechte“ Studiengebühren in beliebiger Höhe zu verlangen. Die Vorschläge für ein neues, „revolutionäres System der Studienfinanzierung“, die die Kommission gestern vorstellte, stellen die Regierungskoalition aus Konservativen und Liberaldemokraten vor ihre erste ernsthafte Belastungsprobe.

Die Liberalen hatten im Wahlkampf eine Abschaffung der Studiengebühren versprochen. Macht sich die Regierung nun die Kommissionsvorschläge zu eigen, könnte sich die bisherige maximale Jahresgebühr von 3 290 Pfund (3 800 Euro) für Bachelor-Studenten auf 7 000 Pfund verdoppeln. Eliteunis könnten Studierende noch deutlich stärker zur Kasse bitten, müssten aber von Gebührenanteilen über 7 000 Pfund einen Teil zur Förderung ärmerer Studenten abgeben.

Die Reform soll die Universitäten besser für den Wettbewerb auf nationaler und internationaler Ebene rüsten. „Das Geld wird den Studenten folgen, und die Studenten werden der Qualität folgen“, so Browne. Es werde sich schnell herumsprechen, welche Hochschulen Gebühren verlangen, die durch die Qualität des Studiums nicht gerechtfertigt sind. Der Bund der Eliteunis, die Russell Group, begrüßte den Bericht: „Wenn wir Studenten nicht um einen größeren Beitrag bitten, werden sie und die Gesellschaft das Nachsehen haben“, sagte Direktorin Wendy Piatt.

Hilfen des Steuerzahlers sollen sich in Zukunft auf die ärmsten Studenten beschränken, die weiterhin günstige Studienkredite erhalten. Die Rückzahlung der Schulden beginnt, wenn das Jahreseinkommen der Absolventen 21 000 Pfund erreicht hat. Bisher lag die Grenze bei 15 000 Pfund. „20 Prozent der Studenten werden diese Schwelle nie erreichen und müssen nie etwas zurückzahlen“, schätzt Browne. Zusammen mit Krediten für den Lebensunterhalt wird ein dreijähriges Bachelor-Studium rund 36 000 Pfund kosten. „Britische Studenten werden in Zukunft noch als 50–Jährige ihre Studienschulden abzahlen“, kritisierte der Labour-Politiker John Denham.

Mehrere liberaldemokratische Hinterbänkler wollen gegen die Vorschläge stimmen. Wirtschaftsminister Vince Cable versprach deshalb, mehr „progressive“ Elemente in den Plan einbauen: „Wir müssen die Qualität der Lehre verbessern, mehr soziale Mobilität schaffen und mehr Studenten aus benachteiligten Familien anziehen.”

Cables Plan einer Akademikersteuer, die Besserverdienende stärker zur Kasse bittet, ist vom Tisch, weil Geld erst in mehr als einem Jahrzehnt in die Kassen geflossen wäre. Außerdem hätten ausländische Studenten in Großbritannien praktisch umsonst studiert und Universitäten hätten nicht die Freiheit erhalten, Gebühren selbst festzulegen.

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent

Kommentare zu " Gebührenhöhe: Britische Regierung bittet Studenten zur Kasse"

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  • Das ist definitiv der falsche Weg. Die Regierung spart sich ihren sozio-kulturellen Hintergrund kaputt.

    ich glaube, man verliert eutopaweit zunehmend den Überblick. Man stellt sich nur noch erfolgreich quer. Da kann ich dann auch nichts mehr machen. Aber Sie werden maßlos Schuld haben.

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