Geburtenrückgang
Griechenland erwägt Rente mit 75

Griechen, die ab Mitte der 90er Jahre ins Berufsleben eingetreten sind, werden bis zum 75. Lebensjahr arbeiten müssen. Das bestehende Sozialversicherungssystem sei nicht mehr zu bewahren. Zu diesem Schluss kommt eine Studie der Alpha-Bank, dem zweitgrößten Kreditinstitut Griechenlands. Doch wie auch in anderen Ländern Europas, fürchten sich die Politiker davor, dieses heiße Eisen anzupacken.

ATHEN. Die Renten-Zeitbombe tickt. Schon seit Jahren mahnen die EU-Kommission, die OECD und der Internationale Währungsfonds Griechenland, sie zu entschärfen. „Der einzige Schlüssel zur Lösung des Problems liegt in der Verlängerung der Lebensarbeitszeit“, sagt der Athener Volkswirtschaftler Konstantinos Delis. Doch die griechischen Politiker versuchen immer noch den Eindruck zu erwecken, mit ein bisschen Feinregelung lasse sich das gegenwärtige System bewahren. „Man sollte nicht an eine große Reform denken“, wiegelt der konservative Wirtschafts- und Finanzminister Jorgos Alogoskoufis ab. Es werde wahrscheinlich mehrere und kleinere Schritte geben, anders sei „in der Gesellschaft kein Konsens herzustellen“.

In ihrer 17 Seiten umfassenden Untersuchung zur Demographie Griechenlands und zu der Zukunft seines Sozialversicherungssystems rufen die Alpha-Volkswirte nun unter anderem den Management-Guru und langjährigen Wall Street Journal-Kolumnisten Peter F. Drucker zum Zeugen auf, der schon vor fünf Jahren die Heraufsetzung des Renteneintrittsalters gefordert hat. Drucker selbst lebte bereits vor, wie das geht: Der im November 2005 wenige Tage vor seinem 96. Geburtstag gestorbene Ökonom arbeitete fast bis zum letzten Atemzug.

„Die Zukunft wird vor allem eines bringen: Arbeit, Arbeit und nochmals Arbeit“, so fasste das griechische Morgenblatt "To Vima" (Tribüne) das Thema jetzt treffend zusammen. Für die meisten Griechen ist die Rente mit 75 jedoch eine Schreckensvision. Sie müssen sich gerade erst zähneknirschend damit abfinden, das sie bis 65 arbeiten sollen. Noch in den 80er und 90er Jahren ging man im öffentlichen Dienst Griechenlands schon mit Mitte 50 in Pension. Immer noch liegt das statistische Renteneintrittsalter im Schnitt unter 60. Bleibt es dabei, droht dem Rentensystem in der Zukunft der Zusammenbruch.

Die Diskussion über die Anhebung des Renteneintrittsalters ist nicht auf Griechenland beschränkt. Auch Bundesarbeitsminister Franz Müntefering hatte kürzlich im Gespräch mit dem Handelsblatt angekündigt, dass das gesetzliche Renteneintrittsalter von 2012 bis 2029 stufenweise auf 67 Jahre angehoben werde. Zudem will die Bundesregierung für ältere Arbeitslose den Kombilohn einführen, um sie wieder in Beschäftigung zu bringen.

In Griechenland tickt die demographische Zeitbombe jedoch besonders schnell: Die Lebenserwartung liegt ohnehin über dem EU-Durchschnitt und steigt weiter. Die Geburtenrate dagegen ist schon seit 1990 niedriger als im Schnitt der anderen EU-Staaten. Jede Griechin bringt derzeit statistisch 1,25 Kinder zur Welt. Im Durchschnitt der Europäischen Union liegt die Geburtenrate dagegen bei knapp 1,6. So wird sich in Griechenland der Anteil der über 65-Jährigen von 18,2 Prozent im vergangenen Jahr bis 2050 auf knapp ein Drittel erhöhen. Während heute noch 2,1 Beitragszahler für jeden Rentner aufkommen, muss 2050 jeder Arbeitnehmer für 1,1 Pensionäre schaffen.

Doch Arbeitsminister Savvas Tsitouridis will die Wähler nicht mit unbequemen Wahrheiten beunruhigen. Wenn die Rentenkassen „gut geführt“ würden und „alle ihre Beiträge zahlen“, fabuliert der Minister, „dann bin ich mir sicher, dass auch künftige Regierungen nicht am Renteneintrittsalter, den Beiträgen und der Höhe der Renten zu rütteln brauchen“.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
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