Gedankenspiele
Weißes Haus rührt am Tabu Irak-Abzug

Weil sich immer mehr Republikaner in der Irak-Politik von US-Präsident George W. Bush abwenden oder anzuwenden drohen, bereitet das Weiße Haus angeblich einen Teil-Rückzug der amerikanischen Truppen aus dem Irak vor. In Bagdad sind alle drei großen Bevölkerungsgruppen in seltener Eintracht alarmiert.

HB WASHINGTON. Wie die „New York Times“ am Montag berichtet, wird im US-Präsidialamt eine intensive Debatte darüber geführt, ob Bush entgegen früherer Aussagen nicht doch Pläne für einen schrittweisen Truppenabzug aus dem Irak verkünden sollte. Ein Teil-Abzug könnte etwa aus besonders heftig umkämpften Stadtteilen in Bagdad erfolgen. Ursprünglich hatte das Weiße Haus gehofft, erst bis zum 15. September einen Bericht über die Auswirkungen der jüngsten US-Truppenverstärkung im Irak vorlegen zu müssen.

Verteidigungsminister Robert Gates hat der „Times“ zufolge hinter den Kulissen bereits auf eine Halbierung der Patrouillen in den besonders gefährlichen Gebieten des Irak bis Anfang kommenden Jahres gedrungen. Die übrigen US-Soldaten sollen sich darauf konzentrieren, irakische Einheiten auszubilden, die Grenzen des Golfstaats zu schützen und die Extremistengruppe Al-Kaida nur noch in bestimmten Gebieten zu bekämpfen. Gates sagte am Sonntag eine seit langem geplante Südamerika-Reise ab, um das Weiße Haus in Sachen Irak zu unterstützen.

Weitere „Umfaller“ nach McCain-Rückkehr befürchtet

Vergangene Woche hatte mit dem republikanischen Senator Pete Domenici aus New Mexico ein weiterer Befürworter des Irakkriegs einen Kurswechsel gefordert. Auch die republikanischen Senatoren Chuck Hagel, John Warner, Richard Lugar und George Voinovic waren in den vergangenen Wochen auf Distanz zu Bush gegangen.

Nach Informationen der Zeitung fürchtet das Weiße Haus weitere „Umfaller“ in den Reihen der Republikaner im Senat, wenn der einflussreiche Parlamentarier und entschiedenene Kriegsbefürworter John McCain aus dem Irak zurückkehre. Der Republikaner, der sich um die Präsidentschaftskandidatur seiner Partei bewirbt, könnte Berichte bestätigen, denen zufolge es im Irak kaum Fortschritte gibt.

Die Demokraten im Senat wollen in dieser Woche erneut versuchen, ein Datum für den Abzug der US-Truppen und eine Kürzung der Kriegsfinanzierung durchzusetzen. Als eine Art Kompromiss von sechs republikanischen und fünf demokratischen Senatoren gibt es einen Vorschlag, der sich an den 79 Empfehlungen der unabhängigen Baker-Kommission zur Irak-Strategie orientiert und keinen Abzug bis Ende März kommenden Jahres vorsieht.

Iraker fürchten Sicherheitsvakuum

Vertreter der Sunniten, Schiiten und Kurden im Irak warnten am Montag, ein Abzug der US-Truppen würde fatale Folgen haben: „Das könnte einen Bürgerkrieg, eine Teilung des Landes und einen Krieg in der Region zur Folge haben. Wir könnten Zeugen eines Zusammenbruch des Landes werden“, warnte Außenminister Hoschijar Sebari, ein Kurde. Der sunnitische Vizepräsident Tarek al-Haschemi sagte, er wäre zwar sehr glücklich, wenn bereits heute der letzte US-Soldat den Irak verlassen würde. „Aber das Problem ist: Wer wird das Sicherheitsvakuum füllen, wenn diese Truppen abziehen?“

Allein das vergangene Wochenende stellte unter Beweis, dass ein friedliches Alltagsleben immer noch Wunschdenken ist: Bei einer der folgenschwersten Anschlagswellen seit dem Einmarsch der US-geführten Truppen im Jahr 2003 wurden 250 Menschen getötet. Bushs Strategie, die eigentlich Regierungschef Al-Maliki im Konflikt mit den sunnitischen Arabern stärken sollte, trug bislang wenig Früchte. Trotz der jüngsten Verstärkung um 28 000 Mann erlitt das US-Militär bis Ende Juni das verlustreichste Vierteljahr im Irak. Im Juli starben bislang mehr als 20 US-Soldaten in dem Land, insgesamt waren es in den vergangenen vier Jahren 3606. Zehntausende Iraker wurden getötet. Solche Zahlen haben Bush zu Hause in Meinungsumfragen abstürzen lassen.

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