Gedenkfeier in New York
"Sie waren unsere Nachbarn, Freunde, Kinder und Eltern"

Konzentriert und sehr leise haben die Amerikaner der fast 3000 Opfer der Anschläge vom 11. September gedacht. Zehn Jahre nach der Attacke hofft das zerrissene Land nun auf Vergessen - und Versöhnung.
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New YorkEs ist ein milder Septembertag, die Morgensonne scheint über Lower Manhattan, es weht ein schwacher Wind. Ganz so wie vor zehn Jahren, als aus heiterem Himmel zwei Flugzeuge ins World Trade Center krachten und die Gegend hier in eine Hölle verwandelten.

Am Sonntag herrscht zwischen Liberty und Barclay Street wieder Ausnahmezustand: Zwei Präsidenten, ehemalige und amtierende Gouverneure und Bürgermeister und tausende Angehörige sind noch einmal zum ehemaligen Ground Zero gekommen, um der 2983 Opfer des 11. September 2001 zu gedenken und das offizielle Mahnmal einzuweihen. Es ist die Hauptfeier von insgesamt zehn an diesem Tag. Der Ort ist geschmückt mit riesigen Flaggen, auf T-Shirts, Schildern und Transparenten steht "Wir werden euch nie vergessen".

„Sie waren unsere Nachbarn, unsere Freunde, unsere Ehemänner, Ehefrauen, Brüder, Schwestern, Kinder und Eltern. Sie waren die, die zur Hilfe geeilt sind,“ sagt New Yorks Bürgermeister in seiner kurzen Ansprache. Um 8.46 Uhr unterbricht er sie direkt mit der ersten Schweigeminute. Es ist die Zeit, als vor zehn Jahren das erste Flugzeug einschlug.

Stille herrscht über dem ansonsten so hektischen Gebiet, bis US-Präsident Barack Obama ans Rednerpult tritt, gekleidet in schwarzen Anzug und schwarze Krawatte. Er rezitiert eine Bibelstelle, Psalm 46, auf eine Rede verzichtet er: „Gott ist uns Zuflucht und Stärke, ein bewährter Helfer in allen Nöten. Darum fürchten wir uns nicht, wenn die Erde auch wankt, wenn Berge stürzen in die Tiefe des Meeres“.

Dann beginnen Angehörige, die Namen aller Verstorbenen vorzulesen, ein jährliches Ritual. Zwischendurch treten einige der Hinterbliebenen ans Mikrofon, um ihre persönliche Geschichte zu erzählen. „Du wirst immer meine Heldin sein und der Stolz New York, sagt ein Mädchen, deren Mutter, eine Polizistin, an 9/11 ums Leben kam. „Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an dich denke“, sagt eine andere Frau. Ihre Stimmen sind durch ganz Lower Manhattan zu hören.

So wird es die nächsten Stunden weitergehen, parallel am Pentagon in Washington und in Shanksville, Pennsylvania. Immer wieder unterbrochen kurze Reden und durch Schweigeminuten zu jenen Uhrzeiten, die jeder Amerikaner auswendig kennt: 9.03 Uhr Einschlag des zweiten Flugzeugs in World Trade Center. 9:37 Uhr Angriff auf das Pentagon in Washington. Um 9.59 Uhr stürzte der Südturm ein, und 10.28 Uhr der Nordturm. Und um 10.03 Uhr krachte Flug 93 in ein Feld in Pennsylvania.

Obamas Vorgänger George W. Bush spricht kurz nach neun, er bekommt Applaus, anders als der amtierende Präsident. Bush liest einen Brief vor, den Abraham Lincoln 1846 an eine Mutter schrieb, die fünf Söhne im Bürgerkrieg verlor.

Die Veranstaltung fand vor der Kulisse der in den Himmel wachsenden Neubauten des World Trade Centers statt. Am zehnten Jahrestag der Anschläge soll dort auch ein Mahnmal für die Opfer eingeweiht werden. Die Gedenkstätte besteht aus zwei Granitbecken, die in die viereckigen Fundamente der eingestürzten Zwillingstürme eingelassen sind und an deren Seitenwänden sich Wasserfälle ergießen. Auf Bronzeplatten sind die Namen der bei den Anschlägen Getöteten eingraviert.

Präsident Obama ist mittlerweile wieder unterwegs, er hat noch viel vor heute. Am Nachmittag besucht er Shanksville, wo seit dem Morgen eine ähnliche Trauerfeier läuft wie in New York. Am Abend ist eine Rede bei einer Trauerfeier in Washington geplant. Am Samstag hatte er bereits ein Fernsehinterview zu 9/11 gegeben. „Amerika ist durch diese Sache gegangen, wie es unserem Charakter entspricht“, sagte der Präsident NBC. „Wir haben Fehler gemacht. Aber im Großen und Ganzen haben wir den Kampf gegen Al-Kaida aufgenommen, unsere Werte und unseren Charakter bewahrt.“

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"Sie waren unsere Nachbarn, Freunde, Kinder und Eltern"

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Tausende Polizisten in höchster Alarmbereitschaft

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Weltweites Gedenken

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  • In stillem Gedenken der Todesopfer
    des Tsunamis
    am 26.12.2004: mindestens 235.000 Todesopfer
    am 11.03.2011: mindestens 11.500 Todesopfer

  • Der USA hat bisher soviele Menschen getötet und bis heute noch tötet. Warum organisiert man für diese Menschen keinen Gedenkfeier. Oder sind die Amerikaner was besonderes. Die sind ja immer so unschuldig.

  • Der USA hat bisher soviele Menschen getötet und bis heute noch tötet. Warum organisiert man für diese Menschen keinen Gedenkfeier. Oder sind die Amerikaner was besonderes. Die sind ja immer so unschuldig.

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