Gedenkminute um 8.46 Uhr
Offene Fragen statt kollektiver Trauer

Selten wird über diesen Tag offen gesprochen, meist nur in der Familie oder unter Freunden. Doch „9/11“, wie das Datum der Terrorattacken auf die USA schlicht genannt wird, hat sich tief in das nationale Gedächtnis eingeprägt.

NEW YORK. Vor ein paar Tagen erst hat Präsident George W. Bush den Tag zum „Patriot Day“, zum amerikanischen Vaterlandstag, ernannt. Nicht nur der Opfer soll gedacht werden, sondern auch der Helden der Stunde und der Hilfsbereitschaft einer ganzen Nation. Doch die Atmosphäre der Trauer ist dieses Jahr eine andere – sie ist ruhiger, nachdenklicher, familiärer. Kein pompöser Staatsakt mit stundenlangen Reden, sondern der individuelle Verlust von Angehörigen steht im Mittelpunkt der Gedenkfeiern. Zwar wird die amerikanische Flagge an öffentlichen Gebäuden am Donnerstag landesweit auf Halbmast gesetzt, doch ansonsten gilt im staatlichen wie privaten Sektor „business as usual“. Nur um 8 Uhr 46, zu dem Zeitpunkt, als das erste Flugzeug vor zwei Jahren in das World Trade Center raste, wird ganz Amerika eine Gedenkminute einhalten. In diesem Moment plant Bush vor dem Weißen Haus der Opfer zu gedenken. Bis auf einen morgendlichen Gottesdienst nimmt der Präsident an diesem Tag nur noch einen zweiten offiziellen Termin in Washington wahr: einen Truppenbesuch bei Soldaten, die im Irak-Krieg verwundet wurden.

Sein Tagesplan steht damit im krassen Gegensatz zu den Aktivitäten im letzten Jahr. Am 11. September 2002 hatte Bush noch alle drei Orte des Terrors besucht, war zuerst beim Pentagon, dann in New York und schließlich in Shanksville im Bundesstaat Pennsylvania, wo der United-Airlines-Flug 93 abgestürzt war. Abends hielt er damals eine Fernsehansprache an die Nation. Solche präsidialen Inszenierungen finden dieses Jahr laut eines Bush-Sprechers nicht statt.

Bei offiziellen Gedenkfeiern wird der Präsident stattdessen von seinem Vize Dick Cheney, Verteidigungsminister Donald Rumsfeld und Innenministerin Gale Norton vertreten. Im Fokus steht eine Veranstaltung am „Ground Zero“, dort wo die zwei Türme des World Trade Centers standen und heute eine riesige Baugrube ist. Den ganzen Vormittag werden dort Kinder die Namen der 2792 Opfer verlesen, die bei den Anschlägen starben. Auch hier werden Schweigeminuten eingehalten. „Wir wollen eine Zeremonie abhalten, die einfach aber kraftvoll ist, um würdevoll der Toten zu gedenken“, sagte New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg.

Viele Angehörige der Opfer können auch zwei Jahre nach dem Anschlag den Anblick von Ground Zero nicht ertragen. Von überall in Manhattan wird die Stelle abends zu sehen sein, wenn bei Anbruch der Dunkelheit wie auch im vergangenen Jahr zwei Lichtstrahlen in den Himmel ragen werden – ein „Tribute of Light“, das an die gefallenen Türme erinnern soll.

Auch die Medien werden ihre Berichterstattung weniger pompös gestalten als noch im letzten Jahr. Da-mals sendeten einige TV-Programme die Bilder der brennenden Türme und andere Schreckensmomente pausenlos. Die Sender Fox, CBS und NBC verzichten diesmal weitgehend auf Dokumentationen und Spezialsendungen. Sie wollen am Donnerstag zwar über die Gedenkfeiern berichten, planen dies aber während ihrer normalen Nachrichtenprogramme zu tun. Einzige Ausnahme: Die CBC-Sendung „Early Show“ mit Harry Smith wird morgens von „Ground Zero“ aus übertragen. „Unsere Berichterstattung bleibt zurückhaltend“, sagt CBC- Sprecherin Sandy Genelius. „Natürlich können und dürfen wir diesen Tag nicht vergessen, aber viele Menschen wollen das alles einfach hinter sich lassen und ihr Leben weiterleben.“ Spielshows und Soaps werden anders als im letzten Jahr nicht für Gedenkmomente unterbrochen. Auch die Zeitungen werden keine dicken Extra-Beilagen drucken. Die New York Times und die Daily News in New York zum Beispiel haben nur einige größere Reportagen für den 11. September angekündigt.

Die kollektive Trauer ist der Fra-ge gewichen: Ist Amerika heute sicher? Der Sender ABC News sen-det bereits seit Tagen Reportagen zu diesem Thema. „Der Gedenktag 2002 war noch sehr emotional, die Wunden waren noch nicht verheilt“, sagte Paul Slavin, Vize-Chef von ABC News. Er fasst die Stimmung vieler Amerikaner so zusammen: „Damals haben wir gemeinsam getrauert, heute haben wir die Gelegenheit, gemeinsam zu analysieren und aus den Fehlern zu lernen.“

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