Gedenkstätte Rivesaltes in Frankreich
„Für die armen Teufel, die durch Europa irren“

Das Internierungslager von Rivesaltes ist das größte, das je in Westeuropa errichtet wurde. Jetzt eröffnet dort eine Gedenkstätte. Der bisher blinde Fleck in Frankreichs Historie zeigt, wie sich Geschichte wiederholt.

ParisDer Wind ist eine Plage. Von den Pyrenäen herab stürmt er über die Ebene von Rivesaltes bei Perpignan, zerrt und rüttelt an allem, was sich nicht vor ihm auf den Boden duckt. Jeder, der im Internierungslager von Rivesaltes war, kommt sofort auf die Tramuntana zu sprechen, die an zwei von drei Tagen mit bis zu 120 Kilometer pro Stunde über das Land fegt.

„Wenn der Wind blies, konnte man nicht aus den Hütten raus, einmal hat er meine Großmutter glatt weggetragen“, sagt Antonio.  Der Spanier Antonio de la Fuente, der Algerier Hamani Hocined, der Deutsche Paul Niedermann – Sie alle erinnern sich an den Wind aus den Bergen, der im Winter die Kälte bis ins Mark treibt und im Sommer das Land ausdörrt.

Antonio, Paul, Hamani und viele andere, im Lauf der Jahre rund 60.000 Menschen, haben in einer der unbeheizten Baracken des „Camp de Rivesaltes“ gehaust, manche mehrere Jahre. Es ist das größte Internierungslager, das je in Westeuropa errichtet wurde, und dennoch außerhalb von Frankreich praktisch unbekannt. Kein Wunder: Bis in die 90er-Jahre wurde nicht einmal in Frankreich über das gesprochen, was Menschen aus vielen Nationen von 1941 an hier erlitten haben. Rivesaltes war ein 600 Hektar großer blinder Fleck in der französischen Geschichte.

„Ein Lager ohne Erinnerung“ nennt es Agnès Sajaloli, die Direktorin des „Mémorial de Rivesaltes“. Am Freitag wird Premier Manuel Valls es feierlich eröffnen. „Der Staat muss auf der Höhe des moralischen Engagements sein, auch da, wo die Republik und Frankreich versagt haben“, sagte der Premier kürzlich. Nach vielen Verzögerungen und Streitereien wird aus dem Ort des Vergessens einer des Erinnerns. „Aber keiner, den man leicht konsumieren kann, so wie man andere Gedenkstätten besucht und dann abhakt“, warnt Sajaloli.

Der 210 Meter lange, vom Architekten Rudy Ricciotti gestaltete Betonklotz des Mémorials hat es in sich. Er ist in den Boden versenkt, Ricciotti wollte nicht, dass der moderne Bau die Fläche des Lagers dominiert. Die Dauerausstellung im Innern beginnt mit Filmen und Dokumenten, die das Leiden der spanischen Bürgerkriegsflüchtlinge dokumentieren. Fast 500.000 flohen Anfang 1939 vor den Franco-Truppen, eine der größten Massenfluchten des 20. Jahrhunderts. Frankreich war großmütig und ließ die Grenze offen.

Aber es war auch engherzig und zwängte die Verzweifelten erst am nackten Strand von Argelès und Saint-Cyprien hinter Stacheldraht, dann in streng abgeschirmte Lager. Bereits nach wenigen Monaten waren 360.000 wieder zurück: Weil sie die Franco-Repression dem drohenden Hungertod vorzogen oder einfach abgeschoben wurden. Die Begriffe, die man in den Dokumenten über ihr Schicksal lesen kann, kennen wir alle heute noch: illegaler Grenzübertritt, Transitzonen, Grenzen der Aufnahmefähigkeit, überlasteter Arbeitsmarkt.

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