Gedenktag
Propagandaschlacht um Tibet

Am Samstag feiert China erstmals den Gedenktag zur "Befreiung von der Leibeigenschaft" in Tibet. Dazu zementiert Chinas Führung ihr Geschichtsbild von Tibet in den Köpfen der Menschen mit einer gewaltigen Propagandaschlacht, Ausstellungen und Verboten.

PEKING. Die junge Frau ist den Tränen nahe, als sie die Fotos von den Aufstände in der tibetischen Hauptstadt Lhasa vom März 2008 betrachtet. Ansonsten ist die Ausstellung im Pekinger "Palast der nationalen Minderheiten" für sie und die Gruppe aus der Autowerkstatt einfach eine Abwechslung vom täglichen Schrauben an kaputten Karossen. "Unsere Mitarbeiter sind sehr an der Ausstellung interessiert", sagt Qi Xin, die den Betriebsausflug anführt.

Mit einer Propagandaschlacht ohne gleichen will Chinas Kommunistische Partei zum 28. März ihr Geschichtsbild in den Köpfen des Volkes zementieren. Denn am Samstag feiert das Land erstmals den Gedenktag zur "Befreiung von der Leibeigenschaft" in Tibet. Tibet wurde nach Ansicht der pekinger Politik vor 50 Jahren nicht von China endgültig unterdrückt, sondern aus der Sklavenhalterei befreit. Diese Ansicht vermittelt die Regierung nun überall im Land mit Veranstaltungen, Artikeln und Ausstellungen. Tibet habe sich damals "von der Dunkelheit zum Licht" und von "einer Diktatur zur Demokratie" verwandelt, erläutert ein Text in der Ausstellung. Dazu zeigt der Nationalitäten-Palast, ein Bau alter sozialistischer Architektur, 500 Bilder. Besonders groß sind die, auf denen strahlende Menschen in tibetischen Trachten chinesischen Führern wie Hu Jintao dankbar die Hände schütteln.

Andere Tibet-Bilder sind dagegen in der Volksrepublik ungern gesehen. So ist nach Angaben des Betreibers Google seit Montag das Internetportal YouTube in China gesperrt. Das Portal zeigt seit ein paar Tagen ein Video, in dem chinesische Sicherheitskräfte Demonstranten in Tibet misshandeln. Einige tragen Mönchskleidung. Man kenne "den Grund für die Blockade nicht", heißt es bei der US-Firma.

Das Video soll laut Exiltibetern aus Indien bei den Ausschreitungen vor einem Jahr in Tibet aufgenommen worden sein. Die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua bezeichnete den Film, der in den meisten Ländern weiterhin zugänglich ist, dagegen als Fälschung. Anhänger des Dalai Lama hätten damit "Lügen konstruiert", um die internationale Gemeinschaft zu täuschen.

Ein Regierungssprecher in Peking sagte lediglich, China halte sich bei der Internetkontrolle strikt an die Gesetze des Landes. Dabei werden immer wieder unliebsame Blogger und kritische Seiten abgeschaltet. Das Internetportal der Deutschen Welle, erst seit den Olympischen Spielen im Sommer in China freigeschaltet, ist nicht mehr erreichbar. YouTube war bereits vergangenes Jahr nach der Veröffentlichung eines Videos mit Bildern des Aufstandes in Lhasa zeitweise gesperrt.

Offenbar fürchtet Chinas Führung erneute Unruhen in Tibet. Am vergangenen Wochenende kam es in einer vorwiegend von Tibetern bewohnten Region in Westchina erstmals in diesem Jahr zu größeren Demonstrationen. Dabei hatten hunderte Einwohner, darunter buddhistische Mönche, eine Polizeiwache und Behördenvertreter attackiert, meldeten chinesische Medien. In der Provinz Qinghai habe es 95 Festnahmen gegeben, vor allem Mönche. Ausländische Quellen meldeten 2000 Demonstranten.

Unabhängige Informationen über solche Vorfälle gibt es nicht. Die tibetischen Regionen sind für ausländische Journalisten seit langem gesperrt. Lhasa ist praktisch abgeriegelt. Dorthin durften dieses Jahr nur ausgewählte Reporter internationaler Medien in straff organisierten und gut bewachten Reisen.

Die Lage in Tibet und den angrenzenden Gebieten ist zum anstehenden "Tag der Befreiung" gespannt. In den Provinzen Qinghai, Gansu, Sichuan und Yunnan leben zusammen mehr Tibeter als im Autonomen Gebiet Tibet, geschaffen erst 1965 als chinesische Verwaltungseinheit. Nachdem vor einem Jahr bei den Zusammenstößen mit der Polizei zahlreiche Menschen starben, soll eine hohe Militärpräsenz jeden Protest bereits im Keim ersticken.

Bei den Unruhen kamen nach offiziellen Angaben 19 Menschen ums Leben. Nach Schätzungen von Exiltibetern war die Zahl zehn Mal so hoch. Doch von diesen Opfern ist in der Pekinger Ausstellung ebenso wenig zu sehen wie von dem YouTube-Video.

So nehmen die Besucher nicht nur die von der Partei verbreiteten Informationen mit, sondern auch Emotionen, die einer Verständigung kaum eine Chance lassen. " Ich hasse den Dalai Lama", sagt eine junge Wanderarbeiterin, als sie die Ausstellung verlässt - "und die westlichen Länder, die ihn unterstützen".

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