Gedenktag
Van Gogh-Mord lässt Niederländer nicht los

Ein Jahr nach der Ermordung des Regisseurs Theo Van Gogh haben die Niederländer des Islam-Kritikers gedacht. Politiker riefen zu Toleranz und zur Verteidigung der Meinungsfreiheit auf. Doch das Misstrauen zwischen Einheimischen und Muslimen wächst.

HB DEN HAAG. Kühl und völlig erbarmungslos verrichtete Mohammed Bouyeri sein blutiges Werk. Bereits durch Schüsse verletzt flehte sein Opfer, der niederländische Regisseur Theo van Gogh, um Gnade: „Tu es nicht! Tu es nicht!“ Mit einem großen Messer schnitt Bouyeri ihm vier Mal durch die Kehle. Amsterdam, Linnaeusstraat, 2. November 2004.

„Mich leitet nur mein Glaube, ich würde jederzeit wieder so handeln“, sagte der Muslim Bouyeri vor Gericht. Van Gogh hatte sich als wüster, oft beleidigender Kritiker des Islam bei vielen Muslimen verhasst gemacht. Sein Mörder ist rechtskräftig zu lebenslanger Haft verurteilt. Doch die Schockwellen dieser brutalen Abrechnung sind noch immer im Land zu spüren. Das gesellschaftliche Klima im einstigen Musterland der Toleranz hat sich verändert.

Denn der kaltblütige Mörder ist kein ausländischer Attentäter etwa unter der Regie von El Kaida. Der damals 26-jährige Bouyeri wurde als Sohn marokkanischer Eltern in den Niederlanden geboren, beherrscht die Landessprache perfekt und galt lange Zeit als vorbildlich integriert. Wie aus einem so gut angepassten jungen Mann ein religiöser Fanatiker und schließlich ein hemmungsloser Mörder werden kann und wie so etwas zu verhindern ist, daran scheiden sich die Geister.

Das Bild der Ausländerviertel - viele „Ausländer“ sind längst eingebürgert - in niederländischen Städten gleicht dem in anderen Ländern Europas. Laut einem offiziellen Report bleiben die meisten Einwanderer unter ihren Landsleuten. Türken und Marokkaner heiraten fast ohne Ausnahme einen Partner aus dem eigenen Herkunftsland. Die Arbeitslosigkeit ist drei Mal höher als bei „Einheimischen“. Fast jeder fünfte junge Marokkaner wird einer Straftat verdächtigt.

Der Publizist Geert Mak nennt die jungen Muslime „Kinder des Satellitenfernsehens“. Sie speisten ihre Wut aus dem Leid der Palästinenser und der Iraker, aus westlicher Arroganz und aus eigener „Erniedrigung“ in den Niederlanden. Dieses „Totschlagsargument“ wies der Schriftsteller Leon de Winter leidenschaftlich zurück: „Wie geht das denn genau mit der Erniedrigung?“, fragte er. „Wodurch wurde Mohammed B. denn eigentlich in Amsterdam-West erniedrigt?“

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