Gefährdete Bauvorhaben
Infrastruktur-Projekte geraten ins Stocken

Die globale Finanzkrise stoppt auf der ganzen Welt große Infrastruktur-Projekte - oder bremst sie zumindest. Banken ziehen Finanzierungszusagen zurück und auch andere Investoren sind vorsichtig. Davon scheinen insbesondere Asien und Osteuropa betroffen. Doch es sind keineswegs nur Schwellenländer, in denen die Kreditklemme Großprojekte gefährdet.

dih/gho/mbr/tom LONDON/BERLIN/MOSKAU. Regierungen, die derzeit auf Sparkurs einschwenken, verstärken das Stocken von Infrastruktur-Vorhaben. Staaten, die in den vergangenen Jahren vom Rohstoffboom profitiert haben, nutzen jetzt hingegen Investitionen in diesem Bereich, um negative außenwirtschaftliche Einflüsse auszugleichen.

Haruhiko Kuroda, Präsident der Asiatischen Entwicklungsbank (ADB), sagte im Handelsblatt-Interview, dass die globale Finanzkrise die Finanzierung wichtiger Infrastruktur-Großprojekte in Frage stelle. "Nicht mehr alle Projekte können finanziert werden, einige werden vertagt, andere bereits abgeschrieben", sagt er. Asiatische Regierungen und Konzerne suchten verstärkt bei Förderbanken um Finanzierungen nach, weil sie an den Kapitalmärkten nicht mehr genügend Mittel bekämen. Um den steigenden Finanzbedarf decken zu können, brauche die ADB in Kürze eine Kapitalerhöhung.

Auch die Osteuropabank (EBRD) registriert eine verstärkte Nachfrage nach Finanzierungen. Einige große Infrastrukturprojekte hängen in der Schwebe, weil private Banken mit der Unterschrift zögerten, sagte EBRD-Ökonom Zbigniew Kominek. Die Banken bemühten sich, ihre Kreditvergabe einzuschränken. "Wenn sie nicht einmal ihre Stammkunden im gewohnten Ausmaß unterstützen, dann ist es unwahrscheinlich, dass sie einzelne Projekte finanzieren werden", sagte er. Außerdem wollten sie sich ungern langfristig binden. Die Situation sei im Fluss, doch wenn sich das Verhalten der Banken nicht ändere, dann müssten Entwicklungsbanken und Regierungen die Finanzierungslücken füllen, sagte Kominek voraus.

"Man kriegt kaum noch Konsortien für große syndizierte Kredite zusammen", bestätigte ein Vertreter einer westlichen Großbank in Baku, der Hauptstadt des Ölstaats Aserbaidschan. "Die Banken haben andere Sorgen, als Geld in Risikoländer zu bringen." Dabei sei Aserbaidschan dank seiner Öleinnahmen und eines erwarteten Wirtschaftswachstums von 16 Prozent kein Krisenland. Ein prominentes Opfer der Kreditklemme könnte nach Einschätzung westlicher Banker und Diplomaten die von der EU unterstützte Gaspipeline "Nabucco" sein. Sie soll unter Führung des österreichischen Energiekonzerns OMV und mit Beteiligung von RWE Gas aus dem Raum ums Kaspische Meer nach Europa transportieren.

Auch ein türkisches Großprojekt könnte der Finanzkrise zum Opfer fallen: der Ilisu-Staudamm, an dessen Finanzierung und Bau deutsche, österreichische und Schweizer Firmen beteiligt sind. Weil die Türkei die geforderten Umwelt- und Sozialauflagen ignoriert, drohen die Exportkreditagenturen der drei Länder mit einem Rückzug aus dem Projekt. Beobachter erwarten, dass das den beteiligten Banken einen willkommenen Vorwand für einen Ausstieg aus dem Projekt bieten könnte.

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