Gefährlichste Hauptstadt der Welt
Friedenstruppen erreichen Monrovia

Die ersten nigerianischen Friedenstruppen sind am Montag in dem vom Bürgerkrieg erschütterten Liberia eingetroffen. Die Vorhut umfasst rund 300 Soldaten. Die in Tarnuniformen gekleideten Soldaten stiegen am Mittag aus mehreren russischen Hubschraubern, die kurz zuvor auf dem Flughafen der Hauptstadt Monrovia gelandet waren.

HB/dpa/rtr MONROVIA/NAIROBI. Vor der US-Botschaft in der liberianischen Hauptstadt Monrovia feierten singende und tanzende Menschen die Ankunft der Friedenstruppen. Noch vor wenigen Tagen hatten dort Leichen gelegen, ein drastische Geste, um Amerika zum Eingreifen zu bewegen. Nun sind die ersten paar Hundert Soldaten aus Nigeria angekommen. „Wir wollen Liberia den Frieden bringen“, sagt einer von ihnen.

Ob die wenigen Hundert Soldaten dazu in der Lage sind, scheint fraglich. Monrovia ist derzeit wohl die gefährlichste Hauptstadt der Welt. Die meisten Kämpfenden sind minderjährig. Viele Kindersoldaten haben weder eine militärische Ausbildung noch haben sie je von der Pflicht gehört, die Zivilbevölkerung zu schützen.

Zwischen Regierungstruppen und Rebellen gibt es keinen klaren Frontverlauf. „Überall in der Stadt wird geschossen“, sagte Jordi Raich, ein Mitarbeiter vom Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (ICRC) in Monrovia. Wer eine Straße überqueren muss, bringt sich schnell an der nächsten Hauswand in Sicherheit. Viele Menschen haben es in den vergangenen Tagen vermieden, aus dem Haus zu gehen.

Hilfe kommt spät

Je länger die Kämpfe dauerten, desto schlimmer wurde die humanitäre Lage. Hilfsorganisationen konnten keine Lebensmittel mehr verteilen, Ärzte warnten vor Cholera und Durchfall-Epidemien. „Es sind keinerlei Vorräte mehr in der Stadt“, sagte Raich. Seit die Rebellen Anfang Juni erstmals Monrovia erreichten, kamen schätzungsweise mehr als 1300 Menschen ums Leben. Viele von ihnen wurden in schnell ausgehobenen Gräbern am Strand der Küstenstadt begraben. Etwa 200 000 sind obdachlos.

Die Hilfe von außen kommt nach Ansicht vieler Liberianer spät - aber sie sind froh, dass überhaupt etwas passiert. „Wir haben so sehr darauf gewartet, dass sie uns retten kommen“, sagte eine Frau in einem Rundfunkinterview. Am liebsten hätten sie die Amerikaner gesehen, schon auf Grund der historischen Verbindungen. Die Staatsgründer Liberias im 19. Jahrhundert waren frei gelassene Sklaven aus den USA. Viele afrikanische Kommentatoren verwiesen außerdem auf den jüngsten Afrika-Besuch von US-Präsident George W. Bush, bei dem er betont hatte, wie sehr ihm der Kontinent am Herzen liege.

Das Problem heißt Charles Taylor

Doch die USA blieben lieber im Hintergrund. Ein Sinnbild dafür ist die Entsendung dreier US-Kriegsschiffe, die am Wochenende vor der Küste Monrovias eingetroffen sein sollen. Bis zur Ankunft der Friedenssoldaten waren sie von Monrovia aus allerdings nicht zu sehen gewesen. Nach Ansicht von Beobachtern ist nicht damit zu rechnen, dass sie Fuß auf afrikanischen Boden setzen.

Das größte Problem für die Friedenssoldaten dürfte die Präsenz des liberianischen Präsidenten Charles Taylor werden. Hier könnte sich bald ein Teufelskreis auftun: Taylor will nicht gehen, wenn die internationale Anklage gegen ihn als Kriegsverbrecher nicht fallen gelassen wird. Das ist nach Auskunft des Sondergerichts für Sierra Leone jedoch nicht erwarten. Und so lange Taylor in Liberia ist, sind die Rebellen nicht bereit, die Kämpfe einzustellen.

„Ich werde am 11. August um 11 Uhr 59 zurücktreten, und dann wird der Neue vereidigt“, sagte Taylor. Ob Monrovia dann mit Hilfe der Friedenstruppen zur Ruhe kommt, wird wohl davon abhängen, ob Taylor sich anschließend zur Abreise durchringt.

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