Gefangene Soldaten
„Irans Uhr tickt“

Nach der Ausstrahlung von Fernsehbildern der im Iran festgehaltenen Marine-Soldaten ist die Aufregung in Großbritannien groß. Medien in dem Land befürchten eine Eskalation und setzen auf „Diplomatie zur Lösung der Krise“. Dagegen sind die Kommentatoren andererorts weniger geduldig. Sie sehen eine zunehmende Ohnmacht des Westens – und erwarten „Unterstützung von Deutschland“.

HB DÜSSELDORF. In der Krise um die 15 festgenommenen britischen Marinesoldaten hat die Regierung in London den Druck auf den Iran drastisch verschärft: Das Außenministerium kündigte an, sich auf diplomatischer Ebene nur noch auf die Freilassung der Briten zu konzentrieren und alle anderen bilateralen Kontakte zu der Führung in Teheran abzubrechen. Auch der Uno-Sicherheitsrat wurde aufgefordert, zu handeln.

Die Kommentatoren in den britischen Medien fürchten eine Eskalation des Konflikt. Die Tageszeitung The Times schreibt, die britische Regierung müsse den Druck auf den Iran unbedingt aufrechterhalten. „Es gibt erste Anzeichen dafür, dass sich einige Mitglieder der Regierung in Teheran nicht ganz wohl in ihrer Haut fühlen. (...) Der Iran scheint sich darüber im Klaren zu sein, dass sein Ruf auf dem Spiel steht. Die Fernsehbilder der festgenommenen Soldaten sollen der Welt beweisen, dass die Gefangenen gut behandelt werden. Ganz anders war das 2004, als der Iran acht britische Soldaten mehrere Tage lang festhielt. (...) Hoffentlich siegt in Teheran bald die Einsicht, dass die Geiselnahme dem Iran mehr Schaden zufügt als Großbritannien.“

Auch die linksliberale Zeitung The Guardian meint, die Lage werde von Tag zu Tag ernster. „Je länger der Iran die Soldaten festhält, desto mehr wächst der Verdacht, dass sie ein Pfand in den Verhandlungen mit den USA sind. Die Bemühungen britischer Diplomaten laufen auf Hochtouren. Sie werden unterstützt durch die EU, die Türkei, Saudi-Arabien und sogar den Irak. Nur die Diplomatie kann zur Lösung der Krise beitragen. Der Iran sollte jedoch nicht unterschätzen, welche Auswirkungen sein Verhalten auf die Erzkonservativen in den USA und in Israel hat. Noch haben im US-Außenministerium die Pragmatiker die Oberhand, die Mittel für Sanktionen sind noch nicht ausgeschöpft. Der Iran sollte sich aber darüber im Klaren sein, dass die Uhr tickt.“

Das Geschehen wird auch in den USA aufmerksam beobachtet. Die amerikanische Tageszeitung The Washington Post betont, dass die bereits verhängten Sanktionen kaum Wirkung zeigen. „Die Festnahme von 15 britischen Seeleuten und Marinesoldaten einen Tag bevor der Uno-Sicherheitsrat eine neue Resolution annahm, die Sanktionen gegen Teheran wegen dessen Atomprogramm beinhaltet, mag Zufall gewesen sein. Dennoch zeigt sie die schnöde Wirklichkeit, mit der die diplomatische Kampagne konfrontiert ist, die die Regierung von (US-Präsident George W.) Bush vor zwei Jahren startete: (...) die Kampagne hat bisher keine wesentliche Änderung des iranischen Verhaltens bewirkt.“

Das Pariser Nachrichtenmagazin Le Point warnt sorgar vor einem „Konflikt der Kulturen“, der vom Westen zwar abgelehnt werde, aber im Mittelpunkt des Denkens muslimischer Fanatiker stehe: „Um den Iran von seinen Atomplänen abzubringen, errichtet die UN einen Deich aus wenig abschreckenden Sanktionen. Doch was soll man zu dem kaum im Zaune gehaltenen Fanatismus in Pakistan sagen? Selbst mitten in Europa wirken Untergrundnetze, die in London und Madrid ihre erschreckende Effizienz bewiesen haben. Und in Schwarzafrika erobert der Fundamentalismus von Mali bis Khartum die verzweifelten Massen. Gegen diese Hybris kommt der Westen nicht voran. Amerika ist dauerhaft vom Scheitern im Irak geschwächt. Und Europa ist von der Ablehnung seiner Verfassung betäubt. Der Westen versteht es, mit Interessen (Öl, Handel, Finanzen...) umzugehen, aber nicht mit dem Zorn Gottes.“

Nach Ansicht der italienschen Zeitung Corriere della Sera übernimmt auch Deutschland eine wichtige Rolle. „Die Soldaten wurden vorgeführt während sie schweigend beim Essen waren, alle trugen die blaue Uniform der Royal Navy oder die Tarnuniform der britischen Marine. (...) Der britische Premier Tony Blair hat vor dem Parlament die Aktion als illegal und nicht hinnehmbar verurteilt. Und unter lautstarker Zustimmung sowohl der Regierungsfraktion als auch der Opposition hat er die internationale Gemeinschaft aufgerufen, das Regime in Teheran zu isolieren. London erwartet die Unterstützung Deutschlands, das beste Kanäle unterhält und reichlich technologisches Material in den Iran exportiert.“

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