Gefangenenlager Guantanamo Bay
Eine Frage des Glaubens

Es herrschen raue Sitten – Provokationen sind an der Tagesordnung, beispielsweise mit „Fäkalien-Cocktails“. In Guantanamo, dem umstrittensten Gefängnis der Welt, sitzen 460 mutmaßliche Terroristen. Sie machen das Lager zur Kampfstätte der Kulturen. Eine Handelsblatt-Reportage.

GUANTANAMO BAY. Sie rufen ihn Nigger, Bastard, Sklave oder „white trash“, weißer Abfall. Und wenn er einen Moment unaufmerksam ist, dann kann ihn ein „Cocktail“ aus Blut, Sperma, Urin und Kot treffen. Diesen Mix schleudern die Gefangenen immer wieder durch Gitter und Türöffnungen auf die Wachen. Nach der Statistik der Lagerverwaltung von Guantanamo allein zwischen Juli 2005 und August 2006 mehr als 430-mal.

Den 19-jährigen Schwarzen, der sich nach seiner Zuständigkeit nur als „Master-at-arms“, als Disziplinierer, zu erkennen gibt, scheint das nicht zu kümmern. „Ich bin hier, um meinen Job zu machen“, sagt er cool. Das sei das Spiel. „Sie wollen, dass ich mich aufrege und erniedrige. Aber ich mache nicht mit.“

Auch an diesem Morgen gibt es reichlich Provokationen. Einer der Internierten bedeutet ihm mit klaren Gesten, dass er ihm die Kehle durchschneiden werde, sollte er ihn je zu fassen kriegen. Zu viel für eine Seele, die vor ein paar Jahren noch zu einem Kind gehörte. Also baut sie einen Panzer. „Ich bin ein harter Typ“, sagt dann die Stimme, die zu der Seele gehört. Die Augen schauen dabei fest. Und die Stimme wiederholt: „Das ist mein Job.“ Pause. „Ich habe hier nichts anderes erwartet.“

Der große Junge ist stolz, sich trotz seines so verdammt unangenehmen Jobs derart gut im Griff zu haben. Er muss Leute bewachen, die sein Land für die gefährlichsten Verbrecher hält. Für Rebellen, Terroristen, für „enemy combatants“, die nicht mal gut genug sind für den Status eines Kriegsgefangenen nach der Genfer Konvention. Und das alles im wohl umstrittensten Gefangenenlager der Welt: in Guantanamo Bay.

Seit Januar 2002 betreiben die USA auf dem kubanischen Marinestützpunkt das Internierungslager. 460 mutmaßliche Terroristen sind dort derzeit in Haft, 315 haben das Camp durchlaufen und wurden entlassen oder an ihre Heimatländer überstellt. Die 14 prominentesten Gefangenen, unter ihnen der Drahtzieher der Anschläge vom 11. September 2001, Khalid Sheikh Mohammed, wurden erst im September aus CIA-Geheimgefängnissen nach Guantanamo verlegt. Sie sind seit 2004 die ersten Neuzugänge.

„Vor einem Jahr war die Situation im Camp entspannter“, sagt Rob Kirsch. Kirsch ist Anwalt aus Boston und vertritt für seine Kanzlei WilmerHale sechs Bosnier, die seit Anfang 2002 in Guantanamo festgehalten werden. Vor einem Jahr war das, was vielleicht später als die „friedliche Zeit“ bezeichnet werden wird („New York Times“).

Seite 1:

Eine Frage des Glaubens

Seite 2:

Seite 3:

Seite 4:

Seite 5:

Seite 6:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%