International

_

Gegenposition im Wortlaut: Keine Schreckgespenster!

Mit ihrem Aufruf zum Protest schüren die 160 Wirtschaftswissenschaftler Angst und Verunsicherung, sagen die Kritiker. Der Protestbrief enthalte keine Fakten, sondern vor allem Klischees und fragwürdige Argumente.

von Von Peter Bofinger, Gustav Horn, Michael Hüther, Dalia Marin, Bert Rürup und Friedrich Schneider und Thomas Straubhaar.
Der ehemalige Wirtschaftsweise Bert Rürup und seine sechs prominenten Kollegen erheben schwere Vorwürfe gegen die Unterzeichner des Protest-Aufrufs. Quelle: ap
Der ehemalige Wirtschaftsweise Bert Rürup und seine sechs prominenten Kollegen erheben schwere Vorwürfe gegen die Unterzeichner des Protest-Aufrufs. Quelle: ap

Die Länder der Euro-Zone sind durch eine systemische Krise mit zwei Wurzeln (Staatsschulden und unterkapitalisierte Banken) herausgefordert. Auf die damit aufgeworfenen Fragen lassen sich keine einfachen Antworten finden. Die Krisenpolitik steht notgedrungen im Streit unterschiedlicher Einschätzungen und Sichtweisen, zumal nicht auf Lehrbuchweisheiten zurückgegriffen werden kann. Die Öffentlichkeit ist vor diesem Hintergrund durch Sorgen und Ängste geprägt, die sich mehr aus unbestimmten Gefühlen als aus sachlichen Informationen speisen.

Anzeige

In einer solchen Situation kann es nicht die Aufgabe von Ökonomen sein, mit Behauptungen, fragwürdigen Argumenten und in einer von nationalen Klischees geprägten Sprache die Öffentlichkeit durch einen Aufruf weiter zu verunsichern. So werden in diesem Text insbesondere Ängste und Emotionen vor einer Bankenunion geschürt, ohne dass dies mit den erforderlichen Fakten unterlegt wird.

Euro-Krise Die Gipfelergebnisse im Überblick

Anders als erwartet haben die Regierungschefs beim Euro-Gipfel in Brüssel nicht nur kosmetische Ergebnisse erreicht. Sie einigten sich über Anleihekäufe der Rettungsfonds und direkte Hilfen für angeschlagene Banken.

Die Gipfelbeschlüsse lassen diese Dramatisierung definitiv nicht zu. Dort heißt es: „Sobald unter Einbeziehung der EZB ein wirksamer einheitlicher Aufsichtsmechanismus für Banken des Euro-Währungsgebiets eingerichtet worden ist, hätte der ESM nach einem ordentlichen Beschluss die Möglichkeit, Banken direkt zu rekapitalisieren. Dies würde an angemessene Auflagen geknüpft, darunter die Einhaltung der Vorschriften über staatliche Beihilfen ?"

Dieser Beschluss dokumentiert die Absicht, ähnlich wie die USA dies im Herbst 2008 mit dem Troubled Asset Relief Program (TARP) getan haben, zielgenau die Bankenproblematik anzugehen. Die dabei gemachten Erfahrungen geben keinen Anlass, vor Gefahren für unserer Bankeinlagen zu warnen.

Handelsblog Deutschlands Ökonomen sinken auf Tsipras-Niveau

Viele deutsche Volkswirte machen Front gegen den Beschluss des Brüsseler Rettungsgipfels von vergangener Woche. Spätestens jetzt ist es höchste Zeit, sich Sorgen um Deutschland und seine Ökonomen zu machen.

Das Beispiel TARP zeigt, dass es möglich ist, Banken mit zu geringem Eigenkapital die notwendige Rekapitalisierung zu gewähren, ohne ihre Aktionäre und Gläubiger zulasten der Allgemeinheit, der Steuerzahler, aus ihrer finanziellen Verantwortung zu entlassen. Genau dies ist der richtige Weg!

Der Aufruf baut ein Schreckgespenst auf und schürt Furcht. Der Öffentlichkeit, die nach Orientierung verlangt, und der Politik, die in schwierigen Entscheidungssituationen Kurs zu halten sucht, wird damit nicht geholfen. Es wird Schaden angerichtet für die politische Gestaltungsfähigkeit wie für das Ansehen unseres Fachs. Wirtschaftswissenschaftler sollten vielmehr bereit sein, mit konstruktiven Lösungsvorschlägen ihre Bringschuld gegenüber Gesellschaft und Politik zu erfüllen.

  • 06.07.2012, 09:05 Uhr

    Lauter Dampfplauderer. Wir sitzen bei Loriot in der Badewanne. Seit wie lange wird über Bankensanieren, Eigenkapital-Anpassung und Banken-Stresstest diskutiert? Und trotzdem wird immer weiter "gerettet". Sichert die Privateinlagen bei den Banken und lasst sie sonst endlich pleite gehen!

  • 06.07.2012, 09:15 Uhr

    Die Herren Ökonomen reden alle von wenn und aber. Aber dass das Spiel beendet werden muss, dass bei Banken Kredit aufgenommen wird, um Banken zu "retten", sagt niemend. Weil alle die Interessenlage der Banken kennen. Die natürlich nicht auf diese riesige Gelddruckmaschine verzichten wollen.

  • 06.07.2012, 09:19 Uhr

    Aha, lange hat es nicht gedauert: Da sind sie wieder die Mitte-Links-Steigbüglehalter von Merkel, Steinmeier und Konsorten. Äußerst schwach ist dieser Disziplinierungsversuch gegenüber ihren um Deutschland aufrichtig besorgten 172 Kollegen. Es passt ins Bild, dass die Kanzlerin umfragemäßig auf Wolke 7 schwebt, weil das Wahlvolk offenbar die Dimension des ESM gar nicht begriffen hat ... und vermutlich auch nicht rechtzeitig begreifen wird. Der Kater wird kommen .. und zwar schrecklich!

  • Die aktuellen Top-Themen
Deflation und ihre Folgen : Jagt die EZB ein Gespenst?

Jagt die EZB ein Gespenst?

Die Preise in der Eurozone steigen kaum noch. EZB-Chef Draghi sieht sich deshalb zum Handeln gezwungen. Doch wäre eine Deflation wirklich so schlimm? Ein Pro und Contra über den Nutzen und Schaden sinkender Preise.

Verbot der Sonntagsarbeit: Wenn die Beschwerden bis Montag warten müssen

Wenn die Beschwerden bis Montag warten müssen

Ein Gericht hat in Hessen die Sonntagsarbeit in Callcentern und Videotheken verboten. Auch andere Bundesländer erwägen nun nachzuziehen. Das könnte Unternehmen aus etlichen Branchen in Bedrängnis bringen.

Preisverfall: Russland passt Haushaltsplanung an Ölpreis an

Russland passt Haushaltsplanung an Ölpreis an

Russland muss angesichts des niedrigeren Ölpreises seine Haushaltsplanung für das kommende Jahr anpassen. Die Preise für den Rohstoff sind in der letzten Zeit dramatisch gefallen, nun gibt es Einschnitte in Russland.

  • Konjunkturtermine
Konjunkturtermine: Wochenvorschau

Wochenvorschau

Die wichtigsten Ereignisse und Indikatoren in Europa und International