Gegenposition im Wortlaut
Keine Schreckgespenster!

Mit ihrem Aufruf zum Protest schüren die 160 Wirtschaftswissenschaftler Angst und Verunsicherung, sagen die Kritiker. Der Protestbrief enthalte keine Fakten, sondern vor allem Klischees und fragwürdige Argumente.
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Die Länder der Euro-Zone sind durch eine systemische Krise mit zwei Wurzeln (Staatsschulden und unterkapitalisierte Banken) herausgefordert. Auf die damit aufgeworfenen Fragen lassen sich keine einfachen Antworten finden. Die Krisenpolitik steht notgedrungen im Streit unterschiedlicher Einschätzungen und Sichtweisen, zumal nicht auf Lehrbuchweisheiten zurückgegriffen werden kann. Die Öffentlichkeit ist vor diesem Hintergrund durch Sorgen und Ängste geprägt, die sich mehr aus unbestimmten Gefühlen als aus sachlichen Informationen speisen.

In einer solchen Situation kann es nicht die Aufgabe von Ökonomen sein, mit Behauptungen, fragwürdigen Argumenten und in einer von nationalen Klischees geprägten Sprache die Öffentlichkeit durch einen Aufruf weiter zu verunsichern. So werden in diesem Text insbesondere Ängste und Emotionen vor einer Bankenunion geschürt, ohne dass dies mit den erforderlichen Fakten unterlegt wird.

Die Gipfelbeschlüsse lassen diese Dramatisierung definitiv nicht zu. Dort heißt es: „Sobald unter Einbeziehung der EZB ein wirksamer einheitlicher Aufsichtsmechanismus für Banken des Euro-Währungsgebiets eingerichtet worden ist, hätte der ESM nach einem ordentlichen Beschluss die Möglichkeit, Banken direkt zu rekapitalisieren. Dies würde an angemessene Auflagen geknüpft, darunter die Einhaltung der Vorschriften über staatliche Beihilfen ?"

Dieser Beschluss dokumentiert die Absicht, ähnlich wie die USA dies im Herbst 2008 mit dem Troubled Asset Relief Program (TARP) getan haben, zielgenau die Bankenproblematik anzugehen. Die dabei gemachten Erfahrungen geben keinen Anlass, vor Gefahren für unserer Bankeinlagen zu warnen.

Das Beispiel TARP zeigt, dass es möglich ist, Banken mit zu geringem Eigenkapital die notwendige Rekapitalisierung zu gewähren, ohne ihre Aktionäre und Gläubiger zulasten der Allgemeinheit, der Steuerzahler, aus ihrer finanziellen Verantwortung zu entlassen. Genau dies ist der richtige Weg!

Der Aufruf baut ein Schreckgespenst auf und schürt Furcht. Der Öffentlichkeit, die nach Orientierung verlangt, und der Politik, die in schwierigen Entscheidungssituationen Kurs zu halten sucht, wird damit nicht geholfen. Es wird Schaden angerichtet für die politische Gestaltungsfähigkeit wie für das Ansehen unseres Fachs. Wirtschaftswissenschaftler sollten vielmehr bereit sein, mit konstruktiven Lösungsvorschlägen ihre Bringschuld gegenüber Gesellschaft und Politik zu erfüllen.

Kommentare zu "Keine Schreckgespenster!"

Alle Kommentare
  • Der Gegenaufruf zum Aufruf der Ökonomen, die die Rückkehr zur D-Mark bzw. eine Lega Nord in Europaanstreben, geht leider gleichfalls an den Ursachen der Euro-Krise vorbei. Auch dort werden die „Wurzeln“ der „systemischen Krise“ am Symptom der „Staatsschulden und unterkapitalisierten Banken“ ausgemacht, statt dass die Ursachen in der fehlenden Regulierung der Finanzmärkte und am deflationären Austeritätskurs als Mittel zur Bekämpfung der der Krise gesucht werden.

  • Traurig, dass außer Stammtisch Ökonomie, von den sog 170 Ökonomen, nicht ein konstruktiver Vorschlag kommt, sondern auf einem Niveau von Boulevard und Co. versucht wird, Ressentiments zu schüren, welche mit Sicherheit nicht ein einziges der vielen Probleme in der EU lösen werden, sondern noch mehr schaffen! Was man in Europa mit Sicherheit nicht braucht, Nationalistische Töne. Wenn Deutschland nicht alles in der EU niederkonkurriert hätte, und die sog. "Finanzmärkte nicht massiv dereguliert worden wären, dann gebe es diese Krise überhaupt nicht! Ursachen und Wirkung sollte man nicht verwechseln!Und es ist billig ja sogar einfach nur noch beschämend, dass in Deutschland versucht wird mit Nationalistischen Tönen, die kleinen Ländern dafür verantwortlich zu machen? Wer auf Grund von Propaganda, seine Entscheidungen trifft, hat schon verloren.

  • Ich finde es erbärmlich, dass die Kommentare zur Gegenmeinung sich hauptsächlich in persönlichen Angriffen auf die Personen der Autoren erschöpfen, anstatt sich mit den Inhalten auseinanderzusetzen. Das ist keine zivilisierte Diskussion mehr, sondern eine Mischung aus Ideologie und Demagogie. Auch zu einigen Autoren des Erstbriefs ließe sich einiges sagen, aber das ist mir zu billig.

  • @ Peter_G - Danke!

  • Der offene Brief der 172 Ökonomen im Wortlaut ist hier:

    http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/protestaufruf-der-offene-brief-der-oekonomen-im-wortlaut-11810652.html

  • Wo kann ich den original Text der 170 Volkswirte um Professor Sinn lesen? Ich fuehle mich von seinem Aufruf angesprochen aber er hat mich noch nicht erreicht!

    Wo kann ich mich – wo koennen wir uns – mit vollem Namen mit Professor Sinn solidarisieren?

    Wie signalisieren wir dem Bundespraesidenten, dem Bundesverfassungsgericht, unseren Parteien, der Presse und unseren Mitmenschen, dass wir nicht laenger eine kleine Minderheit sind und dass unsere Schar taeglich waechst?

    Wir muessen unseren Protest sichtbar machen und aus der Klause der Kommentarseite hinaustragen!

  • Ernie (Bofinger) und Bert (Rürup) aus der Sesamstraße sind mal wieder auf Sendung. Mehr habt Ihr nicht zu bieten, außer Euren 160 Kollegen/innen zu widersprechen? Welche Alternative habt ihr denn anzubieten, außer das der eingeschlagene Weg richtig sei. Z.B. TARP; Dieses Programm wurde unter dem grandiosen ehemaligen US-Präsidenten George W. Bush verabschiedet und diesen wollt Ihr ernsthaft als Musterbeispiel nehmen? Das ist wirklich enttäuschend, liebe Experten! Aber es passt zur Sesamstraße in der Gustav Horn übrigens die Rolle von Oskar (der aus der Mülltonne) übernehmen könnte...ernsthaft: Ich möchte konkrete Hinweise von Ihnen und kein Gesülze - dafür werden Sie nämlich fürstlich entlohnt und da kann ich wohl auch etwas mehr erwarten!

  • Bofinger, Horn und Rürup sind doch schon lange keine ernst zu nehmenden Ökonomen mehr, sondern vertreten die Interessen der Großindustrie oder der Gewerkschaften. Es wurde Zeit, dass sich die deutschen Ökonomen gegen den angelsächsischen und Banken-Volkswirten-Mainstream stellen und die Stimme der Vernunft zur Geltung bringen. Deutschland ist bisher völlig vernebelt von dieser unsäglichen Political-Correctness.

  • DIE POLITIKER SIND DOCH AN DER EINFÜHRUNG DES EURO SCHULD.
    DAMALS WURDE AUCH GEWAHRNT; ABER DIE POLITIKER UND AUCH DAS
    BUNDESVERFASSUNGSGERICHT WAREN FÜR DIE EINFÜHRUNG DES EURO
    UND NUN HABEN WIR DIESES GIGANTISCHE PROBLEM!

    DAS VOLK DARF DEN POLITIKERN NICHT MEHR VERTRAUEN!

    HERR SCHÄUBLE HAT ÜBERHAUPT KEINE AHNUNG!

  • Was für ein Gefälligkeitsartikel hier!

    "Dies würde an angemessene Auflagen geknüpft, darunter die Einhaltung der Vorschriften über staatliche Beihilfen ?"

    Wenn das alles gestimmt HÄTTE, was die Politik in der Vergangenheit so von sich gab und die europäischen Verträge bzw. die Verlautbarungen dazu kompetent ausgearbeitet WÄREN und man man sich daran gehalten HÄTTE - ja dann GÄBE es diese Rettungsorgien nicht.

    Richtig ist aber: Jede Versicherung, jeder Vertrag wurde gebrochen - von Politikern, nicht von Wirtschaftswissenschaftlern. Kritiker des Euro wurden mundtot gemacht und jetzt ist Kritik schon wieder unzulässig. Was Angst macht, ist der Schuldensozialismus der Politik, nicht die längst überfälligen warnenden Stimmen. Die machen wenigsten ein wenig Mut.

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