Gehaltsaffäre um Weltbank-Chef
Auf Wolfowitz wettet niemand mehr

Er kämpft zwar weiter erbittert um seinen Job, aber inzwischen hegt kaum jemand mehr Zweifel daran: Die Tage von Paul Wolfowitz als Weltbank-Präsident sind gezählt. „Es geht nicht mehr um ein Ob, sondern um das Wie“, sagte am Mittwoch eine CNN- Kommentatorin.

HB WASHINGTON. Auch in anderen Medien konnte der langjährige Weggefährte von George W. Bush am Mittwoch lesen, dass niemand mehr auch nur einen Dollar auf sein Überleben an der Spitze der Bank verwetten würde. Wolfowitz war wegen der Beförderung seiner Lebensgefährtin massiv in die Kritik geraten.

Mehr als sechs Wochen lang hatte Bush dem bedrängten Wolfowitz weiter Rückendeckung gegeben, zweifellos in der Hoffnung, dass sich die Aufregung um die Affäre irgendwann legen würde. Aber nun, nach einem Untersuchungsbericht, der bereits wie die Begründung eines Strafurteils klingt, blieb auch Bush nichts anderes übrig, als vorsichtig die Tür zu einem freiwilligen Rücktritt seines einstigen Vizeverteidigungsministers zu öffnen. „Das ist für Wolfowitz das Signal, dass es vorbei ist“, schrieb die „Los Angeles Times“.

Wie am Mittwoch am Sitz der Weltbank in Washington verlautete, verhandelt Wolfowitz über Bedingungen für seinen Rücktritt. Dem Vernehmen nach will er aus dem Amt scheiden, wenn im Gegenzug festgestellt werde, dass er nicht alleine die Verantwortung für die Affäre trage.

Worum es zu diesem Zeitpunkt hauptsächlich noch geht, liegt auf der Hand. Der US-Präsident will ein Ende der eskalierenden Führungskrise. Doch sucht Bush einen Weg, der es nicht nur Wolfowitz ermöglicht, sein Gesicht zu wahren, sondern auch ihm selbst. Denn der Niedergang des Weltbank-Präsidenten ist auch eine schwere persönliche Niederlage für Bush. Er hatte den „Falken“ in seiner Regierung auf den Weltbank-Sessel gesetzt, obwohl er wusste, wie groß die Antipathien gegen Wolfowitz insbesondere bei den Europäern war. Dass er ausgerechnet einen der Hauptarchitekten des Irakkrieges für den internationalen Job auswählte, einen Befürworter einer starken US- Militärpräsenz in aller Welt, einen Verfechter von Präventivschlägen gegen so genannte Schurkenstaaten - das wurde von vielen bei allem Respekt vor Wolfowitz' herausragender Intelligenz geradezu als Provokation empfunden.

Dass Bush, der Loyalität über alles schätzt und honoriert, so lange an dem bedrängten Weltbank-Präsidenten festgehalten hat, ehre ihn zwar, hieß es am Mittwoch in einem Kommentar des Radiosenders NPR. Aber es zeuge auch von krassen Fehleinschätzungen der Lage auf der Seite des Präsidenten. Tatsächlich hat sich mit jedem Tag der Krise bei der Weltbank immer stärker herauskristallisiert, dass es hier um mehr geht als um Verstöße gegen ethische Regeln durch die Beförderung von Wolfowitz' Lebensgefährtin. Sogar in dem sonst so harschen Untersuchungsbericht wird eingeräumt, dass der Verhaltenscodex bei der Weltbank alles andere als klar ist. In vielen Punkten steht im Fall Wolfowitz Aussage gegen Aussage. Spricht ihn das auch nicht frei, so untermauert die Eskalation doch die von Wolfowitz selbst geäußerte Vermutung, dass die Vorwürfe der Vetternwirtschaft benutzt wurden, einen Mann zu stürzen, der von vornherein bei vielen missliebig war.

So pfeifen es die Spatzen von den Dächern, dass die Europäer in ihm wegen seiner großen Nähe zu Bush einen Erfüllungsgehilfen der US- Regierung sahen. Damit, so fürchteten sie, werde das Gewicht der USA bei der Weltbank noch größer. Wolfowitz selbst schürte den Verdacht dadurch, dass er Spitzenberater aus dem Pentagon mitbrachte. Sein harscher Umgang mit dem Weltbankpersonal, Vorwürfe eines selbstherrlichen Führungsstils, ein zum Teil rüder Ton - das alles trug dazu bei, dass die Kritik nicht nachließ.

Nun gilt es wohl zu retten, was noch zu retten ist. Aber in vielen US-Medienberichten hieß es am Mittwoch, dass der Zeitpunkt für einen Kompromiss möglicherweise verpasst worden sei. „Zu wenig, zu spät“ zitierte das „Wall Street Journal“ europäische Kreise. Das Wolfowitz angelastete Fehlverhalten, drohe inzwischen die Glaubwürdigkeit der Bank zu untergraben, die rund um die Welt Staaten belehre, der Korruption abzuschwören. Ironischerweise zählt gerade der Kampf gegen Korruption nach Ansicht vieler zu Wolfowitz' größten Verdiensten als Chef der Weltbank.

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