Geiselnahme auf Erdgasfeld: Blutbad in Algerien

Geiselnahme auf Erdgasfeld
Blutbad in Algerien

Das algerische Militär hat nicht lange gezögert – und zum Sturm auf die Islamisten angesetzt, die auf einem Gasfeld im Osten des Landes Dutzende Ausländer festhielten. Das Ergebnis: Mindestens 41 Menschen sterben.
  • 8

Algier/Paris/LondonEine algerische Militäraktion zur Befreiung von Geiseln aus der Hand von Islamisten ist mit einem Blutbad zu Ende gegangen. Hubschrauber und Bodentruppen griffen am Donnerstag ein Terrorkommando an, das sich seit Mittwoch mit mehreren Dutzend ausländischen Geiseln auf einem Erdgasfeld im Osten Algeriens verschanzt hielt.

Bei dem Befreiungsversuch der algerischen Armee sind in der Sahara Sicherheitskreisen zufolge 30 Geiseln getötet worden, darunter mindestens sieben Ausländer. Außerdem seien wenigstens elf Islamisten umgekommen, sagte ein Vertreter aus dem algerischen Sicherheitsapparat am Donnerstag. Der Armeeeinsatz gegen die Geiselnehmer, die ein Ende der französischen Militärintervention im benachbarten Mali fordern, zog sich über Stunden hin. Was genau in der von den Islamisten besetzten Erdgasanlage in einem entlegenen Wüstengebiet passiert, war allerdings auch in der Nacht zum Freitag noch nicht klar. Großbritanniens Premierminister David Cameron verschob nach Angaben eines Sprechers wegen der Krise seine für Freitag geplante Rede zur Rolle seines Landes in der Europäischen Union.

Bei ihrem Einsatz gegen islamistische Geiselnehmer auf einem Gasfeld hat die algerische Armee aber offenbar nur einen Teil der Anlage unter ihre Kontrolle gebracht. Lediglich der Abschnitt, in dem sich Wohngebäude für Mitarbeiter befänden, sei gesichert worden, berichtete die algerische Nachrichtenagentur APS am Donnerstag unter Berufung auf örtliche Behörden. Die Fabrikanlagen seien weiter in der Hand der Geiselnehmer. APS hatte zuvor das Ende des Einsatzes vermeldet, ohne Angaben über Tote oder Verletzte zu machen.

Zuvor hatte die staatliche Nachrichtenagentur Algeriens unter Berufung auf eine nicht näher bezeichnete offizielle Quelle gemeldet, dass die Befreiungsaktion vorbei sei. Nach Darstellung der Terroristen wurden allein bei Luftschlägen des Militärs 35 Geiseln und 15 Kidnapper getötet. Die Regierung in Algier äußerte sich zunächst nicht zu Details.

Die Islamisten, die sich "Bataillon des Blutes" nennen, hatten die von dem britischen Energieriesen BP gemeinsam mit dem norwegischen Ölkonzern Statoil und dem algerischen Staatsunternehmen Sonatrach betriebene Erdgasanlage in Algerien am Mittwochmorgen gestürmt und nach eigenen Angaben 41 Ausländer und offenbar Hunderte Algerier in ihre Gewalt gebracht. Hinter der Geiselnahme steht nach algerischen Angaben Mochtar Belmochtar, ein islamistischer Untergrundkämpfer, der schon gegen die sowjetischen Truppen in Afghanistan kämpfte. Er soll kürzlich eine eigene Gruppe in der Sahara gebildet habe, nachdem er sich mit anderen lokalen Anführern der Al-Kaida überworfen hatte.

Von den bei dem Befreiungsversuch der Armee getöteten Geiseln habe man bislang die Nationalität von 15 Menschen ermitteln können, sagte ein Vertreter aus dem algerischen Sicherheitsapparat. Acht davon seien Algerier, sieben seien Ausländer, darunter zwei Briten, zwei Japaner und ein Franzose. Zu den getöteten Islamisten zählten neben zwei Algeriern, von denen einer der in der Region bekannte Extremisten-Kommandeur Tahar Ben Cheneb gewesen sei, drei Ägypter, zwei Tunesier, zwei Libyer, ein Malier und ein französischer Staatsbürger. Rund 600 algerische Arbeiter der Förderanlage konnten von dort einer Meldung der staatlichen algerischen Agentur APS zufolge fliehen.

Der Einsatz der algerischen Armee war international offenbar nicht im Detail abgesprochen. Staatliche Medien zitierten Algeriens Kommunikationsminister Mohammed Said mit den Worten, die algerischen Truppen seien angesichts gescheiterter Gespräche mit den Geiselnehmern gezwungen gewesen zu handeln. Nach Angaben der mauretanischen Nachrichtenagentur ANI, die in engem Kontakt mit den Geiselnehmern stand, setzte die Armee dabei Hubschrauber und offenbar auch Bodentruppen ein.

Wie unübersichtlich die Lage lange Zeit war, belegten Äußerungen westlicher Politiker. So räumte Hollande am Abend zwischenzeitlich ein, dass er die dramatischen Ereignisse noch nicht genau bewerten könne, da ihm noch nicht genug Informationen vorlägen. "Was in Algerien passiert, lieferte einen weiteren Beweis dafür, dass meine Entscheidung, in Mali einzugreifen, gerechtfertigt war", fügte er allerdings hinzu. Frankreichs Botschafter in Mali, Christian Rouyer, äußerte sich ähnlich: "Wir haben hier den unmittelbaren Beweis, dass das Problem weit über den Norden Malis hinausgeht", sagte er im Rundfunk. Die Dimension des Problems sei national und international.

Sicherheitsexperten vermuten allerdings, dass die Erstürmung des Erdgaskomplexes womöglich schon weit vor dem Beginn des französischen Einsatzes in Mali vor gut einer Woche geplant wurde. Allerdings könnte das französische Vorgehen ihrer Auffassung nach so etwas wie den Startschuss für die Erstürmung der Anlage in Algerien zu diesem Zeitpunkt gegeben haben.

Japan hat sich der internationalen Kritik an der Informationspolitik Algeriens im Geiseldrama angeschlossen. Tokio sei über die Militäroperation zur Befreiung der Geiseln nicht informiert worden, sagte Regierungssprecher Yoshihide Suga am Freitag. Die Operation sei bedauerlich, wurde Suga von japanischen Medien zitiert. Unter den Toten sollen nach ersten Informationen auch zwei Japaner sein. Das Schicksal von 14 Landsleuten sei noch unklar, hieß es in Tokio. Drei Japaner seien in Sicherheit. Am Vortag hatten algerische Sicherheitskräfte das Terrorkommando angegriffen, das sich mit Dutzenden ausländischer Geiseln in einer Gasanlage verschanzt hatte.

Der Hergang der Aktion und die tatsächliche Zahl der Opfer blieben vorerst unklar. Die Islamisten hatten am Mittwoch damit gedroht, die ausländischen Geiseln - nach ihren Angaben 41 Arbeiter - im Fall eines Militärangriffs zu töten. Hinter der Geiselnahme stand nach algerischen Angaben die Organisation Al-Kaida im islamischen Maghreb (AQMI).

Kommentare zu " Geiselnahme auf Erdgasfeld: Blutbad in Algerien"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Die Reaktion europäischer Politiker ist eine Ohrfeige für alle Bürger Europas. Die vielen Toten als normaler Kollateralschaden abzutun, eigene Verantwortung von sich zu weisen und die Aktion des algerischen Militärs auch noch zu begrüßen, ist an Falschheit und Heuchelei nicht mehr zu überbieten. Es hätte jeden treffen können.

    Hollande ist keinen Deut intelligenter, als es GW Bush seinerzeit war. Reinkommen ist nicht das Problem. Die parallelen und späteren Entwicklungen, auch drum herum einzubeziehen und zu beeinflussen, ist die Kunst. Dass sich Terroristen irgendwo in Nordafrika ein weiches Alternativziel suchen würden und der direkten Konfrontation damit ausweichen, war doch klar. Weshalb sind die von Europäern u.a. betriebenen Infrastruktur-Projekte in der Region nicht militärisch geschützt worden? War das Frankreich dann doch zu teuer? ich finde, der Preis der jetzt gezahlt wurde, war zu hoch.

    Dass es keine Mißverständnisse gibt: Ich stehe voll hinter dem Eingreifen in Mali. Aber eben durchdacht!

    Europa muss endlich einheitliche paramilitärische und private (aber staatlich überwachte!) Schutzmöglichkeiten schaffen, auf seinem Gebiet und in seiem Einfluß-/ Interessensbereichen. Von der Privatisierung robusten Schutzes geht das Abendland nicht unter. Es könnte aber ganz gut sein, dass das Fehlen dieser Voraussetzung viel mehr Schaden anrichtet.

  • Die Franzosen sind erbärmlich. Zuerst wie aufgeblasene Gockel ala Grande Nation OHNE Abstimmung mit den anderen EU-Ländern einen Alleingang machen und auf "dicke Hose". Dann bereits nach nur 3 Tagen erste Artikel in renomierten Zeitungen "wir als Franzosen fühlen uns von der EU Gemeinschaft allein gelassen ...", ich hatte dies eigentlich erst nach 2 Wochen erwartet, wenn die Franzosen merken, dass sie es nicht alleine können - mal ganz nüchtern Mali ca. 4 mal so groß wie Deutschland und 2.500 Soldaten? Wie sollen da Geländegewinne dauerhaft gesichert werden??? Wie auch immer, die wirtschaftlichen Interessen will ich gar nicht ansprechen. Was wird aus meiner Sicht geschehen? Die Franzosen werden durch andere Länder unterstützt und wharscheinlich sterben auch einige dieser Soldaten und am Ende werden sich die Franzosen bei Misserfolgt frühzeitig verpissen (sorry) wie in Afgahnistan oder bei Erfolg wieder als die großen Macker aufspielen.
    Gut genug mit den Franzosen (die auch wirtschaftlich nur falsch spielen), mir tun die Menschenleben (die westlichen, die Islamisten sollen aus meiner Sicht getötet werden, ist doch nach deren eigene Sharia Einstellung richtig) leid und es ist sehr bedauerlich, dass die algerische Armee eine Befreiung versucht, da sie für so etwas absolut nicht ausgebildet ist. Ich hoffe der "Westen" geht mit aller Härte gegen solche islamistischen Verbrecher vor - Scharfschützen und Spezialkommandos und keine Gefangenen ist der richtige Weg. Der eine oder andere "märtyrer" wird sich schon überlegen ob er in den "heiligen Kampf" geht, wenn er weiss bei Gefechten nicht auf Gefangennahme und einen Prozess nach westlichen Standard erhalten zu können, sondern nur den Tod und vielleicht das Ticket in deren Himmel.

  • Afghanistan-Irak-Libyen-Syrien-Mali-Algerien....

    CIA bezahlte Islam Idioten ebnen den weg.

    Morgen wird ALgerien Bombaridert.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%