Geiselnahme in Russland
In einem verwundeten Land

Nervenkrieg. An zwei Fronten herrscht in Russland dieser verzweifelte Kampf gegen die Uhr: in Moskau, wo am Wochenende das in früheren Jahren von Hunderttausenden besuchte Stadtfest beginnt und wo nach dem Attentat auf eine Metrostation am Dienstag noch immer zahlreiche Terroristinnen frei umherlaufen.

HB MOSKAU. Und im Kaukasus, in Nord-Ossetien, wo sich in dem Städtchen Beslan bis zu 400 Schüler, Lehrer und Eltern in der Gewalt eines tschetschenischen Kommandos befinden, deren Anführer Doku Umarow ist, ein 40 Jahre alter Mann mit krummer Nase und hellbraunem Rauschebart.

„Sdrawstwuj, Schkola!“, „Hallo Schule“, das weiße handgemalte Plakat flattert noch immer an der Fassade der Schule in Beslan. Drumherum stehen wütende Väter und weinende Mütter, erstarrt vor Angst. Nur mühsam können sie von Sicherheitskräften in Kampfanzügen und Splitterwesten zurückgehalten werden. Die meisten Frauen tragen Kopftücher. Viele bekreuzigen sich immer wieder, rufen dabei Gott um Hilfe, während sich in ihre Gesichter tiefe Furchen graben. Nach mehr als einem Tag und einer Nacht ohne Schlaf sehen sie selbst aus wie Tote, so weiß sind ihre Gesichter.

Hinter der Fassade, in der Turnhalle, haben die Geiselnehmer ihre Opfer zusammengepfercht. Die blütenweißen Blusen der Mädchen, die sie am Tag der Einschulung trugen, sind durch Schweiß und Staub längst grau.

Ein großes Fest sollte der 1. September in Beslan werden mit Musik und Reden zum landesweiten Tag des Schulbeginns nach drei Monaten Sommerpause. Die Schüler stellten sich in einer Reihe im Pausenhof auf, neben ihnen die Eltern, vor ihnen die Lehrer. Aus einem Fest wurde eine Tragödie.

Denn kurz zuvor hatten etwa 25 tschetschenische, ossetische, inguschetische und russische Männer sowie zwei Frauen mit Hunden aus einem Wald kommend den Dorfpolizisten Major Sultan Guradschew in einem Nachbarstädtchen gekidnappt. Mit ihm als Unterhändler stahlen sie einen Militärlaster und rasten nach Beslan. Dort drangen sie um kurz nach neun Uhr in die Schule ein.

Die Schüler hielten es zuerst für einen Scherz, ein Spiel zum Schulbeginn: „Wir standen auf. Als die Schießerei begann, dachten wir, dass es Spielzeugpistolen sind. Erst dann haben wir Menschen rennen sehen und die Kämpfer bemerkt. Sie hatten Maschinenpistolen in ihren Händen“, berichtet die 16-jährige Salima Bugasowa aus der zehnten Klasse dem russischen Fernsehen. Erst als die Schüsse hallten, rannten die Schüler los, einige ins Gebäude, andere in den Heizungskeller.

Letztere, etwa 15, hatten Glück und konnten später aus der Schule fliehen. Während 16 Menschen im Kugelhagel zwischen Terroristen und Schulwachdienst starben. Auch ein Mädchen aus der elften Klasse wird getroffen und später in die Sporthalle geschleppt, als die Terroristen auf die Flüchtenden schießen. Zwei Leichen hängen auch am Donnerstag noch über dem Eingang an einem Zaun. Jeder, der sich ihnen nähert und die Toten bergen will, wird aus Fenstern beschossen. Das gesamte Gelände ist vermint. „Und wir bekommen nicht einmal Informationen, was los ist“, weint die 39-jährige Madina Guljarowa, deren zehnjähriger Sohn Ruslan in der Schule ist. „Ich will irgendetwas wissen“, ruft sie aus Angst um ihr Kind. „Man muss die Forderungen der Geiselnehmer erfüllen. Sonst werden unsere Kinder bei einem Polizeisturm alle sterben“, vergräbt sie ihre rot geweinten Augen in den Händen.

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