Es fehlt an sauberem Trinkwasser, überall riecht es nach Müll: Eine Woche nach dem Zyklon über Birma läuft die Hilfe nur schleppend an, Helfer sehen die Leben von 1,5 Millionen Birmanern in akuter Gefahr. Doch statt sich um die Opfer zu kümmern, ließ das Militärregime über eine neue Verfassung abstimmen - und muss sich nun neue Vorwürfe anhören.
HB RANGUN. Ihre Strohhütte im Reisfeld hat der Zyklon „Nargis“ platt gedrückt. Dorfbewohnerin Nu Nu Yi sitzt inmitten der Trümmer und schüttelt den Kopf, als sie gefragt wird, ob die Regierung genug Nahrung verteilt hat. Ein Kilo Reis war bisher alles, was ihre Familie bekommen hat, erzählt die junge Frau, die eine Stunde von der Hafenstadt Rangun entfernt lebt. Und das eine ganze Woche, nachdem der Wirbelsturm über Birma wütete. Die Hilfsorganisation Oxfam sieht in Birma 1,5 Millionen Menschen vom Tod bedroht, wenn sie nicht bald mit sauberem Wasser und Sanitäreinrichtungen versorgt werden. So ist es kein Wunder, dass sich die Menschen wenig für die erste Wahl seit 1990 zu interessieren schienen. Trotz aller Kritik hat die Militärregierung das Referendum über eine neue Verfassung nur in 47 Bezirken abgesagt, die meisten davon in Rangun.
Eine Angestellte sagte, sie habe die Abstimmung glatt vergessen. Dann macht sie ihrem Unmut über das Regime Luft: „Ich hasse es.“ Ein Taxifahrer in Rangun hält die Junta für „verrückt“ und spottet über die Wahl: „Niemand mag die Regierung, aber wie durch Zauberei wird sie gewinnen.“ Verkäuferin Zaw Min Hla gibt sogar freimütig zu: „Ich bin bezahlt worden, deshalb habe ich mit „Ja“ gestimmt.“ Das Staatsblatt „Neues Licht von Birma“ hatte vorher sicherheitshalber empfohlen, wo man sein Kreuzchen macht - bei „Ja“ natürlich. Das südostasiatische Land sieht sich selbst im „Demokratisierungsprozess“. Vom Militär ist nur wenig zu sehen.
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Birmanische Oppositionskräfte im Exil haben am Sonntag von massiven Wahlfälschungen bei dem Referendum über die umstrittene neue Verfassung berichtet. Mitarbeiter der Oppositionspartei „Nationalliga für Demokratie“ NLD hätten am Samstag in allen Landesteilen Einschüchterungen, Nötigungen und direkte Fälschungen beobachtet, berichtete die US-Kampagne für Birma. Die neue Verfassung soll den Weg für Wahlen in zwei Jahren freimachen. Allerdings sichert sich das Militär damit 25 Prozent aller Parlamentssitze und wichtige Kabinettsposten. Die Militärjunta rechnete mit überwältigender Zustimmung der Bevölkerung. Sie hatte alle Appelle aus dem Ausland ignoriert, das Referendum zu verschieben und sich zuerst um die Zyklon-Opfer zu kümmern.
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Das alles wirkt - besonders nach der Naturkatastrophe - wie Hohn. Am Stadtrand von Rangun suchen kleine Kinder im Schlamm nach Fischen. Die ohnehin schon kargen Hütten im Elendsviertel sind schwer beschädigt, von einer Grundschule stehen nur noch die Mauern, das Dach besteht nur noch aus Fragmenten. Eine alte Frau pumpt vergeblich an einem Brunnen. Sauberes Trinkwasser ist nach wie vor ein Problem. Es riecht nach Müll.
Ein Laster einer westlichen Hilfsorganisation rumpelt durch das Viertel - ein seltener Anblick. Noch immer ist die Lage für die Helfer schwierig. Malteser International brach am Sonntag auf mit Hilfsgütern für die Menschen im Irrawaddy-Delta, darunter Planen und Mittel zur Wasseraufbereitung. Helfer aus Deutschland mühen sich trotz aller Hürden, die Lage zu erkunden. Dazu brodelt noch die Gerüchteküche. Telefon- und Internetleitungen funktionieren schlecht, Aufpasser muss man an jeder Ecke fürchten.
In der Metropole Rangun selbst scheint dagegen das normale Leben wieder zurückzukehren. Am Sonntag gab es in einem Restaurant sogar Geschenke zum Muttertag. Am Eingang begrüßten die Mitarbeiter die Gäste mit Pralinen in Zellophan, drinnen saßen Familien und feierten den Tag bei Essen und Live-Musik. Vor einem Luxushotel nahe der Sule- Pagode ließ sich ein Hochzeitspaar filmen, bevor es in eine meterlange schwarze Limousine stieg. Zu kaufen gibt es von Flipflops bis Mangos eigentlich fast alles - wobei die Preise für Lebensmittel extrem nach oben geschossen sind. An den Tankstellen stauen sich die Autos noch immer über mehrere Kilometer. Das Staatsblatt „Neues Licht von Birma“ listete am Wochenende auf, wo angeblich der Strom mittlerweile wieder funktioniert.
Noch sind die Spuren von „Nargis“ überall zu sehen, tausende von umgestürzten Bäumen, zerbrochene Fensterscheiben und riesige umgewehte Reklametafeln. In den Straßen wirkt das Treiben aber lebendig, wobei nur wenige Touristen unterwegs sind. Straßenhändler bieten Geld zum Schwarz-Tausch an, an einem See sitzen auf Bänken verliebte Pärchen, die sich mit Sonnenschirmen vor neugierigen Blicken schützen.
Nur einige hundert Meter weiter ist eine Straßensperre aufgebaut, dahinter steht das Haus, in das Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi, Anführerin der Opposition, seit Jahren verbannt ist. Wer es sich nicht mit der Miltitärregierung verscherzen will, hält sich lieber fern von der Absperrung.
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