Geldpolitik
Neue Schutzwälle gegen die Dollar-Flut

Kurz vor Beginn des G20-Gipfels in Seoul treibt die expansive Geldpolitik der USA die Schwellenländer auf die Barrikaden. Mit Kapitalkontrollen versuchen sie, ihre Wirtschaften zu schützen und kämpfen gegen die drohende Aufwertung ihrer Währungen. Doch auch das schafft neue Risiken.
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ZÜRICH/TOKIO. China hat den Schwarzen Peter weitergegeben. Kurz vor Beginn des Gipfeltreffens der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer (G20) am Donnerstag in Seoul gelten nicht mehr die Währungstrickser in Peking als die bösen Buben, sondern die Gelddrucker in Washington. Die amerikanische Notenbank Federel Reserve (Fed) sorgte mit ihrer Ankündigung, für weitere 600 Mrd. Dollar US-Staatsanleihen aufzukaufen, für einen Proteststurm rund um den Globus. Der chinesische Vize-Außenminister Cui Tiankai warnte vor einem Schaden für die Weltwirtschaft, der brasilianische Finanzminister Guido Mantega sprach von einem "schweren Fehler", und sein deutscher Amtskollege Wolfgang Schäuble nannte Amerika "ratlos".

Damit wird die Agenda der G20 auf den Kopf gestellt. Wollten die USA eigentlich eine Allianz der Willigen gegen die Wechselkursmanipulationen Chinas schmieden und die Unterbewertung des Yuans ächten, steht die Supermacht jetzt selbst dafür am Pranger, dass sie die Welt mit Dollar überschwemmt. Schlimmer noch: Der Verzweiflungsakt der Fed droht eine unkontrollierte Gegenreaktion auszulösen. Immer mehr Schwellenländer wollen nun ihre Wirtschaft gegen die Dollar-Flut schützen. "Kapitalkontrollen sind die Gegenreaktion auf die quantitative Lockerung der Geldpolitik (des Westens), die sich wie ein Flächenbrand ausbreitet", schreibt die Großbank HSBC in einer neuen Studie.

Egal ob in China, Brasilien oder Südkorea - die Ängste sind überall gleich. "Die Regierung und Notenbank befürchten, dass der Zustrom zu einer zu rapiden Aufwertung des koreanischen Won führt und dass dieses Kapital genauso schnell das Land verlässt, wie es gekommen ist, und dann die Währung in die Knie zwingt", sagt Michael Hellbeck, Vorsitzender der Foreign Bankers Group in Korea.

Die Geldschwemme der Fed hat den Teufelskreislauf des internationalen Kapitals erneut in Gang gesetzt. Hohe Zinsen und Wachstumsraten locken die Investoren in die Schwellenländer. Olivier Blanchard, Chefökonom des Internationalen Währungsfonds (IWF), warnt bereits vor einer neuen Welle von "Carry-Trades", bei denen Investoren sich in Niedrigzinsländern Geld leihen, um es dann in Hochzinsländern anzulegen. Geschieht dies wie im Moment unkontrolliert, führt das zu Spekulationsblasen und abrupten Aufwertungen in Hochzinsländern - und das sind meist Schwellenländer.

Schwellenländer kämpfen gegen Aufwertung

Tatsächlich ist diese Aufwertung bereits in vollem Gange: Der koreanische Won stieg gegenüber dem Greenback innerhalb von drei Monaten um 5,5 Prozent, und der thailändische Baht legte dieses Jahr bereits um 13 Prozent zu. Mit der Währung verteuern sich die eigenen Exporte auf den Weltmärkten. Dieser Wettbewerbsnachteil wird dadurch noch verstärkt, dass der weltgrößte Exporteur China seine Währung künstlich drückt.

Kein Wunder also, dass sich immer mehr Schwellenländer an China ein Beispiel nehmen und versuchen, Kapitalflüsse und Wechselkurse zu kontrollieren. "Wir sollten Wege finden, den exzessiven Fluss von ausländischen Investitionen abzuschwächen", kündigte der südkoreanische Notenbankchef Kim Choong-soo Ende Oktober an. Und beim asiatisch-pazifischen Wirtschaftsgipfel am Wochenende drohten Thailand und Indonesien ebenfalls damit, den Kapitalzufluss zu beschränken.

Noch vor zwei Jahren galten Kapitalkontrollen als Folterwerkzeuge sozialistischer Wirtschaftslenkung und waren verpönt. Sie verhinderten, dass das Kapital dorthin fließe, wo es effizient eingesetzt werden könne, so das Standardargument liberaler Ökonomen. Außerdem dienten die Zäune häufig nur dem Schutz heimischer Industrien vor ausländischer Konkurrenz. Doch spätestens seitdem selbst der IWF Schutzwälle gegen unkontrollierte Kapitalströme für zulässig hält, sind solche Eingriffe nun wieder salonfähig.

Mitarbeit: Jan Mullien

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent

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  • Vorsicht Fakten!

    Vergleicht man die durchschnittlichen Wechselkurse des USD, vom 01.01.07 bis 08.11.07 mit denen aus diesem Jahr, dann sind die Gewinner im Abwertungsrenne:

    Korea -24,13%
    vor Russland (-17,80%), Vietnam (-17,26%), Mexico (-15,95%), indien (-10,28%), Südafrika (-4,27%), indonesien (-0,21%).
    Aufgewertet hat Thailand (+1,66%), Philipienen (+3,025%), brasilien (+10,56%) und China (+11,17%).

    bei einer betrachtung der aktuellen Wechselkurse zum Durchschnitt von 07, verschieben sich ein paar Positionen aber, abgesehen von indonesien (+2,17%) und Südafrika (+4,01%), bleiben die Gewinner und Verliere auf ihren Seiten.

    Richtig übel wird die ganze Diskussion aber erst, wenn man vier Major Currencies (EUR, JPY, GbP, CHF) mitbetrachtet.
    Da steht der von Schuldenkrise geplagte EUR faktisch parie (-2,23% 07vs10 bzw. +3,51% 07vs Current day).
    Das GbP ist ganz weit vorne mit (-29,54% bzw. -23,26)
    und die Verliere sind:
    CHF (+13,04% bzw. +20,56%)
    JPY (+25,48% bzw. +31,60%)

    Viel zu viele Zahlen, ich weiss, aber wie soll man dieser Hysterie vom Währungskrieg bis zum Abwertungsrennen denn sonst entgegen treten?

    Nur das Summary, Korea ist der Gewinner des Abwertungsrennens, worüber beklagen die sich? Wer glaubt das schon, wenn er die Fakten nicht kennt?

    bTW. Koreas wichtigste industriezweige sind direkte Wettbewerber der japanischen industriesäulen und jetzt rechnen Sie ruhig selber um wieviel der KRW wohl gegenüber dem JPY abgewertet hat.

    Liebes Handelsblatt, ja sie müssen auch jeden Tag ihr Angebot füllen, aber bitte etwas besser auf die Fakten achten.

  • Währung wieder an Materie koppeln ist angesagt. ich würde vorschlagen, das Geld an z.b. den Wasser- oder Sandpreis zu koppeln. Dann hätte man zumindest wieder einen realen Gegenwert dahinter! ;-)

  • Es ist erstaunlich, wie schnell und widerstandslos die schrittweise Preisgabe markwirtschaftlicher Prinzipien verläuft. Die Gruppe derer, die Freiheit des Marktes auch als zivilisatorische und kulturelle Errungenschaft zu Gunsten des individuums begreift, ist offenbar zu klein. Nur wenige Foren wie www.volatility-management.com versuchen, kulturelle und geistige Grundlagen einer freien Wirtschaftsarchitektur im Augen zu behalten.

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