Geldpolitik
Volkswirte würden Änderung der EZB-Strategie begrüßen

Die Europäische Zentralbank (EZB) will ihre geldpolitische Strategie ändern, um auf Vermögensblasen früher reagieren zu können. Dies kommt bei Volkswirten gut an. Was es mit dem Konzept des Gegensteuerns, in Englisch "leaning against the wind", auf sich hat.
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FRANKFURT. "Ich hoffe sehr, dass daraus was wird", sagt Thomas Mayer, Chefvolkswirt der Deutschen Bank. Seinen Kollegen von der Dekabank, Ulrich Kater, würde es überhaupt nicht stören, "wenn bei offensichtlichen Übertreibungen in der Kreditdynamik die Zinsen angehoben würden". Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, sieht es ganz ähnlich: "Ich finde das in Ordnung, auch wenn mit diesem Ansatz nicht jede Krise vermieden werden kann."

EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark hatte das Konzept des Gegensteuerns, in Englisch: "leaning against the wind", bei der Forschungskonferenz der Zentralbank vergangene Woche erläutert. Danach sollen Zinserhöhungen und Zinssenkungen symmetrisch erfolgen. Wenn sich ein Boom an den Finanzmärkten abzeichnet, würde die Zentralbank die Zinsen etwas stärker anheben, als zur Erhaltung der Preisstabilität notwendig wäre. Die höheren Zinsen würden ein Überschäumen der Finanzmärkte verhindern. Bei einem Abschwung könnten die Zinsen dann umgekehrt stärker gesenkt werden.

Die geldpolitische Strategie der EZB ist gut geeignet, um den Ansatz des Gegensteuerns zu berücksichtigen. In ihrer zweiten Säule wird der monetären Analyse eine herausragende Rolle zugewiesen. Sie gewährleistet, dass Geldmengen-, Kredit- und Liquiditätsbedingungen bei der Umsetzung der Geldpolitik angemessen berücksichtigt werden. Von dort ist es nur ein kleiner Schritt, um die Entwicklung der Vermögenspreise einzubeziehen. Laut EZB deuten aktuelle Forschungsergebnisse darauf hin, dass Geldmengen- und Kreditindikatoren dazu beitragen können, Aufschwung- und Abschwungphasen an den Finanzmärkten vorherzusehen. "Die jüngsten Ergebnisse legen eine faire Neubewertung dieses Ansatzes nahe", sagte Stark. Sein Vorgänger Otmar Issing, hatte schon vor Jahren darauf hingewiesen, dass die monetäre Säule geeignet sei, in eine Finanzanalyse ausgebaut zu werden.

Ursprünge gehen auf Keynes zurück

Der frühere Chefvolkswirt der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), William R. White, sieht den Ursprung des Ansatzes bereits in den frühen 1930er-Jahren. Es war Gegenstand einer Kontroverse zwischen den beiden großen Ökonomen dieser Zeit, John Maynard Keynes und Friedrich von Hayek. Nach Hayeks Ansicht wurde die Saat für den Abschwung dadurch gelegt, dass sich im Aufschwung des Kreditzyklus unhaltbare Ungleichgewichte aufbauten. "Manchmal dauert es, bis sich gute Konzepte durchsetzen und das Alte weggefegt wird", sagt Mayer. Er hat schon bei der "ECB Watchers-Konferenz" im September 2008 dafür plädiert, die monetäre Analyse der EZB in eine Finanzanalyse auszubauen. Dabei sollten nicht nur die Kreditvariablen, sondern zusätzlich Maße für den Risikoappetit der Finanzmarktakteure einbezogen werden.

Auch für Kater könnte die zweite Säule der geldpolitischen Strategie der EZB in eine Finanzstabilitätssäule umgewandelt werden. "Dann wären alle Indikatoren einer makroprudenziellen Analyse dort hineinzupacken", sagt er. Es müsse allerdings deutlich werden, welche geldpolitischen Operationen die Signale aus dieser Säule auslösten.

Sollte die EZB das Konzept des "leaning against the wind" übernehmen, käme auf sie viel Arbeit zu. "Bisher ist es noch nirgendwo ausreichend ausgearbeitet", sagt Kater.

Marietta Kurm-Engels
Marietta Kurm-Engels
Handelsblatt / Redakteurin

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