Generalsekretär Claude Guéant
Der Kardinal des Königs

Der Generalsekretär des Elysée-Palasts, Claude Guéant, ist der zweitmächtigste Mann der französischen Republik – gleich nach Präsident Nicolas Sarkozy. Guéant wird in seiner Funktion ungewöhnlich viel Einfluss zuteil. Dem französischen Premierminister Fillon ist diese Entwicklung derweil offensichtlich zuwider.

PARIS. Cécilia Sarkozy ist niemals allein. Ob beim Abflug in Paris, beim Zwischenstopp in Tripolis oder am Ziel in Sofia: überall, wo Kameras die hochgewachsene Präsidentengattin einfangen, taucht hinter ihr ein unscheinbares Gesicht mit randloser Brille auf.

Wie ein Leibwächter sieht der schmächtige Mann nicht aus, und er ist auch keiner. Der Schatten der First Lady hat andere Aufgaben. Der Mann führt beispielsweise alle Verhandlungen mit dem libyschen Staatschef Muammar el Gaddafi – nicht nur über die Freilassung der bulgarischen Krankenschwestern, sondern auch über die Lieferung von französischer Atom- und Rüstungstechnologie in den Wüstenstaat.

Der unscheinbare Mann im Schlepptau von Cécilia heißt Claude Guéant und gilt als zweitmächtigster Mann der französischen Republik – gleich nach Staatspräsident Nicolas Sarkozy. Als Generalsekretär des Elysée-Palasts spielt Guéant in Frankreich theoretisch eine ähnliche Rolle wie der Chef des Bundeskanzleramts in Deutschland. In der Praxis aber verfügt Guéant über eine Machtfülle, von der sein deutscher Counterpart Thomas de Maizière nur träumen kann.

In einem Land, das von den eigenen Bürgern gern als „republikanische Monarchie“ verspottet wird, habe es Claude Guéant zum „Vizekönig“ gebracht, schreibt das Nachrichtenmagazin „Le Nouvel Observateur“. Die größte Tageszeitung des Landes, „Le Monde“, sieht in ihm „das Double des Präsidenten“. Andere nennen ihn den „Kardinal“ – eine Anspielung auf die mächtigen Kirchenmänner Richelieu und Mazarin, die im 17. Jahrhundert im Auftrag der französischen Bourbonen-Könige die Geschicke Frankreichs lenkten.

Der 62-jährige Guéant findet solche historischen Vergleiche nicht übertrieben. „Natürlich spiele ich eine politische Rolle“, sagt der Spitzenbeamte selbstbewusst. Doch was er als selbstverständlich darstellt, bricht in Wahrheit mit allen Traditionen der fünften Republik. Denn bislang galt: Der Elysée-Generalsekretär ist nicht mehr als der Verwaltungschef des Präsidenten. Manche durften immerhin hinter den Kulissen die Strippen im Regierungsgeschäft ziehen, andere hatten nicht mehr zu sagen als ein Frühstücksdirektor.

Dass Guéant dieses Schicksal mit seinen Vorgängern nicht teilen muss, hat auch mit strukturellen Veränderungen im französischen Regierungsapparat zu tun. Der im Mai gewählte Staatschef Nicolas Sarkozy hat so viel Macht im Elysée-Palast konzentriert wie kein Präsident vor ihm. Noch nie hat ein französisches Staatsoberhaupt so direkt in die täglichen Regierungsgeschäfte eingegriffen wie Sarkozy. „Ich will nicht herrschen, sondern regieren“, sagt Sarkozy.

Seine Beamten regieren mit ihm – allen voran sein engster Vertrauter Claude Guéant. Die graue Eminenz des Elysée-Palasts residiert im Büro zur Rechten des Präsidenten, und dort landen sämtliche innen- und außenpolitischen Dossiers. Deshalb sieht sich Claude Guéant auch auf Augenhöhe mit dem Mann, der laut französischer Verfassung eigentlich die Regierungsgeschäfte in Frankreich zu führen hat. „Guéant ist Premierminister B“, schreiben die französischen Medien mit wohlwollender Billigung des Elysée-Palasts.

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