Geopolitik
Die Geschichte kehrt zurück – mit Macht

Neue Großmächte gefährden die Balance, die Kriegsgefahr wird größer. Verunsicherte Politiker fühlen den Bedarf, Berater enger um sich zu scharen. Volker Perthes sieht sich als "Dienstleister für die Politik" - dabei ist er auch ein ständiger Inspekteur der Weltkrisen.

BERLIN. Wenn er in seinem Büro herumschaut, fällt der Blick von Volker Perthes früher oder später auf die große koloniale Landkarte an der Wand. Sie zeigt Afrika und den Nahen Osten zu einer Zeit, in der einige wenige westliche Großmächte glaubten, den Globus nach ihrem Willen ordnen zu können. Doch wenn das Telefon des Direktors der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) klingelt, und es klingelt oft in diesen Tagen, erhoffen sich Anrufer weniger einen Blick in die Vergangenheit als vielmehr eine Einschätzung der Gegenwart - und einen Blick in die Zukunft. Spätestens mit dem Georgien-Konflikt hat viele Menschen das ungute Gefühl erfasst, die relative Stabilität der Welt könnte alsbald der Vergangenheit angehören. Politikberatern wie Perthes und dem größten außenpolitischen Think-Tank in Berlin bescheren derlei Fragen und Ängste viel Arbeit. Weil Deutschland in der globalisierten Welt stärker mitmischt und von vielen entfernten Geschehnissen betroffen ist, wollen die Akteure Rat vor der Tat.

Je unsicherer und komplexer die Welt erscheint, desto größer ist der Beratungsbedarf. Deshalb ist die SWP vor wenigen Jahren aus dem idyllischen bayerischen Wolfratshausen nach Berlin gezogen - und mit dem Bundesnachrichtendienst folgt bald auch die eigentliche Aufklärungseinrichtung der Politik aus Pullach in die Hauptstadt. Verunsicherte Politiker fühlen den Bedarf, Aufklärer und Berater enger um sich zu scharen. Für Perthes und sein Team heißt das: Studien verfassen und Einschätzungen treffen. Aber nicht nur. Ständig bereichern die Experten mit ihrem Wissen Diskussionsrunden, eilen zu Abstimmungen ins Kanzleramt und das Auswärtige Amt und halten Vorträge wie am Wochenende bei der Zeit-Stiftung über die Situation im Nahen Osten.

"Völlig klar, vom ,Ende der Geschichte? redet heute niemand mehr", konstatiert Perthes. In diesen Slogan hatte der US-Publizist Francis Fukuyama noch vor wenigen Jahren den damaligen optimistischen Zeitgeist gefasst, der die USA und die westliche Welt als endgültigen Sieger im Ringen der Systeme gesehen hatte. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion schien es, als habe der Westen die Deutungshoheit über die Geschichtsbücher erobert: Das Modell der marktwirtschaftlich organisierten liberalen Demokratien, die sich auf internationaler Ebene friedlich in multilateralen Organisationen organisieren, schien auf dem Vormarsch - unaufhaltsam.

Doch dann kam der 11. September 2001 und mit ihm die überall lauernde Anschlagsgefahr durch radikal-islamische Terroristen. Es folgte das amerikanische Debakel nach dem Irakkrieg, die Dauerverluste und-anschläge nach der ursprünglich schnell gewonnenen Schlacht. Schließlich kehrte die Erinnerung daran zurück, dass mit China langsam, aber sicher eine neue Supermacht neben den USA aufsteigt. Und heute? Die Bilder rollender Panzer in Georgien zeigen, dass sich mit Russland noch ein Spieler relativ aggressiv auf der Weltbühne zurückmeldet, den der Westen fast abgeschrieben hatte. Schon spricht der diskussionsfreudige US-Wissenschaftler Robert Kagan von der "Rückkehr der Geschichte".

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