George Osborne
Schatzkanzler mit rhetorischem Geschick

Er ist mit 39 Jahren der jüngste britische Schatzkanzler seit 120 Jahren. Und als er gestern im Unterhaus den härtesten Sparetat in der Geschichte Großbritanniens vorlegte, war das Parlament bis auf den letzten Platz besetzt - sogar Minister mussten auf den Treppen sitzen. Wie sich George Osborne Respekt verschafft hat.
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LONDON. Heute würde den Schatzkanzler niemand mehr - wie früher - als "politisches Leichtgewicht" bezeichnen. George Osborne hat sich mit Realismus, Härte und Konsequenz Respekt verschafft. Sein polternder Redestil und sein Talent für griffige Formulierungen garantieren, dass die Zuhörer sich merken, was er sagt.

Großbritanniens Schuldenproblem etwa verglich Osborne mit einer Kreditkarte. "Je länger man wartet, desto schlimmer wird es. Man zahlt Zinsen. Man zahlt Zinsen auf die Zinsen. Und Zinsen auf die Zinseszinsen."

Es war ein Wagnis, als der damalige Parteichef der Konservativen, Michael Howard, den 33-Jährigen im Jahr 2005 als Schatten-Schatzkanzler gegen den großen Gordon Brown in den Kampf schickte. Doch Osborne identifizierte schnell Browns Schwachstellen - und brachte seine ätzende Kritik an Browns Wirtschaftspolitik in nur zwei Sätzen auf den Punkt: "Sie haben das Dach nicht repariert, als die Sonne schien. Nun sind wir schutzlos dem Sturm ausgeliefert." Diese Formulierung wurde unter den Briten zum geflügelten Wort. Letztlich war es Osbornes konsequente Kritik an Brown, die Labour bei der Wahl in diesem Mai zu Fall brachte.

Osborne begann seine Karriere im Hauptquartier der Tories, weil die "Times" ihn als Volontär abgelehnt hatte. 1997 wurde er Sekretär von Parteichef William Hague, 2001 gewann er einen Unterhaussitz. Vielen Konservativen galt Osborne schon damals als weitsichtiger Stratege aus der neuen Generation. Doch nach dem Rücktritt von Michael Howard kandidierte er nicht für den Vorsitz der Tories, sondern machte unter den Konservativen Wahlkampf für David Cameron, der dann im Spätherbst 2005 zum neuen Parteichef gewählt wurde.

Spätestens seit jenem Jahr 2005 gelten Cameron und Osborne als enge Freunde - und als Kopf und Herz der Partei. Ihr Hintergrund ist ähnlich: Beide haben adlige Vorfahren, Osborne ist Sprössling des irischen Landadels. Beide haben Geld im Hintergrund - Vater Osborne verkauft exklusive Tapeten der Marke "Osborne und Little", der Junior ist an dem Unternehmen beteiligt und mehrfacher Millionär.

Wie Cameron ging Osborne auf teure Privatschulen, studierte in Oxford und war Mitglied im berüchtigten "Bullingdon Club", wo man auch die wildesten Saufgelage im Frack absolviert. Beide wohnen im Londoner Promi-Viertel Notting Hill West. Als Osborne begann, statt mit dem Mercedes mit dem Fahrrad ins Parlament zu fahren, machte es Cameron ihm nach.

Kritiker werfen Osborne vor, er habe "Wirtschaft in den Märchenbüchern von Hans Christian Andersen gelernt". Aber Osborne bewies schon mit seiner entschlossenen Reform der Bankenaufsicht, dass er auf dem Boden der Realität steht.

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent

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