Georgiens Hauptstadt Tiflis wartet auf die Flüchtlinge
„Wir sind gerade der Hölle entkommen“

Erschreckende Fernsehbilder laufen in Georgiens Hauptstadt, doch inzwischen rollte eine weitere Welle auf Tiflis zu und könnte das politische Establishment des Landes erschüttern: Die Flüchtlinge aus den umkämpften Provinzen.

TIFLIS. Zwei enge Kordons Polizisten wollen die aufgebrachten Menschen mit aller Macht von der Strasse drängen. Der Verkehr auf dem Rustaweli, der Prachtboulevard in Tiflis, soll wieder rollen. Doch die Frauen haben Angst und wollen, dass alle ihr Schicksal sehen - und nichts trifft die Herrschenden im Kaukasus-Staat stärker als Staus auf dem Rustaweli.

"Vor Euch haben wir keine Angst", schreien die Frauen die Polizisten an. "Wir sind gerade der Hölle entkommen, da macht Ihr uns auch nichts mehr aus!" Am Ende ist aber die Staatsmacht erst Mal stärker und die Frauen stehen vor dem Parlamentsgebäude des Landes tratschend und traurig zusammen.

Am Mittag hatten sie die Hauptstadt erreicht. Die Flüchtlinge aus Gori, der Heimatstadt Stalins. Dutzende Busse setzen die leidenden Menschen am Busbahnhof am Stadtrand aus. In einer langen Marschkolonne setzen sie sich in die Innenstadt in Bewegung, über Tiflis´ Prachtboulevard Rustaweli Prospekt erreichen sie das Parlamentsgebäude, wo das Europabanner mit den zwölf gelben Sternen auf blauem Grund neben der mit rotem Georgskreuz besetzten georgischen Flaggen den Willen zur West-Integration unterstreicht.

„Wir haben die Nacht im Keller bei Kerzenschein ausgeharrt. Denn wir hatten solche Angst, dass die Russen wieder zuschlagen. Und als uns unsere Soldaten aus dem Keller holten und zu Bussen brachten, mussten wir an so vielen Toten vorbei. Es war so schrecklich. Überall lagen Leichen“, berichtet Nino, die mit ihren drei Kindern aus Gori gekommen ist. Ihre zwei Töchter und der siebenjährige Sohn hätten seit den Bombardements nicht mehr gesprochen.

„Wo sollen wir bleiben?“, schreien die Frauen die Polizisten immer wieder an. „Wir haben nichts mehr“, halten sie kaum gefüllte Plastiktüten den Uniformierten entgegen. Wo sie die Nacht über schlafen sollten, wüssten sie nicht – und erst recht nicht, wann sie wieder ein wirkliches Dach über den Kopf bekämen. Denn noch immer leben in Tiflis zehntausende Flüchtlinge der früheren Kriege mit Abchasien und Süd-Ossetien Anfang der 1990er-Jahre, nunmehr 16 Jahre ohne eigene Wohnungen.

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