Georgier in Russland
Russland den Russen

Ihre Restaurants bleiben leer, tägliche Schikanen durch Behörden und immer häufiger offener Fremdenhass: Die Lage der über eine Million Georgier in Russland ist schon lange prekär. Nun macht der neue Kaukasus-Konflikt ihr Leben endgültig unerträglich - Leidensgeschichten aus Moskau.

MOSKAU. Das Trottoir vor der Botschaft Georgiens in Moskau ist fest in russischer Hand. Über dem gusseisernen Zaun wehen die weiß-blau-roten Flaggen der Kremlpartei "Einiges Russland". Berufsdemonstranten haben am Straßenrand ein Zelt aufgeschlagen. Ein klobiges Mischpult steht darunter, verkabelt mit einem Verstärker und zwei scheppernden Boxen. Rap-Musik übertönt das Dröhnen des Benzingenerators, der die Anlage am Laufen hält. Daneben stehen junge Männer mit spärlichem Bartwuchs und schlagen rauchend die Zeit tot. Junge Mädchen mit weißen Halstüchern lehnen sich gelangweilt an die Backsteinpfosten der Botschaft und spielen mit ihren Handys.

Müde sehen sie aus, die Anti-Georgien-Demonstranten. Seit mittlerweile elf Tagen belagert die "Junge Garde", eine jugendliche Sturmtruppe der Partei von Präsident Dmitrij Medwedjew, die georgische Vertretung. Demonstrieren schlaucht.

Vor den drei Dutzend halbwüchsigen Putin-Fans - geschätztes Durchschnittsalter: 19 Jahre - muss sich allerdings kaum ein Georgier fürchten. Ihre Show vor der Botschaft ärgert zwar deren Mitarbeiter, doch sie ist noch der harmloseste Ausdruck der Anti-Georgien-Stimmung im Lande. Echte Angst haben die etwa 100 000 Exilgeorgier in Moskau vor willkürlichen Schikanen der Polizei, vor Behörden, die ihre Restaurants und Geschäfte aus fadenscheinigen Gründen schließen, vor gewalttätigen Skinheads und nationalistischen Hetzern. Russlands Staatspropaganda verkauft den Krieg in Südossetien als georgischen "Völkermord" und erklärt die Georgier im Land zu unerwünschten Gästen. In Russland rollt eine neue Welle des Fremdenhasses an, die sich gegen die georgische Diaspora richtet - wieder einmal. Der Krieg macht die Lage für die Exilgeorgier in Russland unerträglich.

Das erste Opfer gibt es schon. Ein Georgier musste sein Restaurant "Losa" im Westen Moskaus schließen. Behördenvertreter kamen, prüften - und entzogen ihm wegen angeblicher Hygienemängel die Lizenz. Das war kurz nach Beginn des neuen Kaukasus-Kriegs am 8. August. Ein Zufall?

Es ist Mittag. Kellnerin Tatuli* steht ganz allein im großen Kellergewölbe ihrer Gaststätte, dabei laufen zu dieser Zeit normalerweise viele hungrige Leute über den benachbarten Komsomolskij-Prospekt. Doch "Georgien", der Name des Restaurants, in dem die 39-Jährige den Lebensunterhalt für sich und ihren kleinen Sohn verdient, scheint abzuschrecken in diesen Tagen. Seit Beginn der Kämpfe im Kaukasus bleiben hier die Gäste aus - so wie in den meisten georgischen Restaurants in Moskau.

Tatuli ist aufgewühlt. Mangelnde Kundschaft ist nicht ihre größte Sorge. In ihrer Heimat Abchasien im Nordwesten Georgiens, die sie vor 16 Jahren nach der Ermordung ihres Vaters und der Zerstörung des Elternhauses verließ, leben noch immer viele ihrer Verwandten. Als abchasische Separatisten vorige Woche im Windschatten der Kämpfe in Südossetien gegen georgische Truppen im Kodori-Tal vorgingen, schickten ihre Cousins und Onkel Frauen und Kinder in die Berge und griffen selbst zu den Waffen. Seither hat Tatuli nichts mehr von ihren Verwandten gehört.

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