Gerichte entscheiden über Yucca-Mountain-Projekt im Bundesstaat Nevada
US-Regierung macht Dampf für atomares Endlager

Die US-Administration macht Dampf für die baldige Einrichtung eines nuklearen Endlagers. „Wenn es nicht dazu kommt, werden wir spätestens 2012 die ersten Atomkraftwerke abschalten müssen“, warnt Dick Koyach vom Los Alamos National Laboratory, einem Wissenschaftsinstitut des US-Energieministeriums in New Mexico. Koyach verweist auf rund 50 000 Tonnen Nuklearmüll, die derzeit an den mehr als hundert Reaktoren des Landes zwischengelagert sind.

HB LAS VEGAS. An vielen Kraftwerken würden die Lagerkapazitäten knapp. Ein Fünftel des amerikanischen Energiebedarfs speist sich aus Atommeilern. Nun ruhen die Hoffnungen auf der Wüste von Nevada.

Die Straße verläuft schnurgerade. In der Ferne ragt der Yucca Mountain in den blauen Oktoberhimmel – ein lang gestrecktes Felsmassiv rund 150 Kilometer nordwestlich von Las Vegas. Hier will das US-Energieministerium das erste Atommüllendlager des Landes in Betrieb nehmen. Ab 2010 sollen bis zu 70 000 Tonnen an strahlendem Material rund 300 Meter tief unter der Erde verbuddelt werden. „Seit 1978 nehmen wir das Gelände wissenschaftlich unter die Lupe“, sagt Robert Levich, Geologe beim US-Energieministerium. Der Yucca Mountain verfüge über granitartiges Gestein, das die Umwelt optimal gegen nukleare Strahlung abschotte. An die 8 Mrd. Dollar hat die US-Regierung bis dato investiert, zwei Tunnel sind in Bau.

Doch nun ist das Projekt in die Mühlen der Justiz geraten: In fünf Gerichtsverfahren, die von Atomkraftgegnern angestrengt wurden, geht es vor allem um die Sicherheit. Die Behörde für Umweltschutz (EPA) hat sich dafür stark gemacht, dass die Bevölkerung 10 000 Jahre lang vor Radioaktivität geschützt werden müsse. Kritiker verweisen hingegen auf einen Bericht der Nationalen Akademie der Wissenschaften, wonach bis zu 300 000 Jahre gefordert werden.

Aber auch der Transport des Atommülls aus einem der 39 Bundesstaaten, in denen die Kraftwerke stehen, bereitet den Atomgegnern Sorge. „Was passiert, wenn ein Zug entgleist oder in der Region die Erde bebt?“, fragt Rochelle Becker, Mitglied der Umwelt-Organisation Sierra Club aus dem kalifornischen San Luis Obispo. Becker hält Nuklearenergie generell für ein zu hohes Sicherheitsrisiko und plädiert für einen stufenweisen Ausstieg.

Bush will Nuklearenergie zügig ausbauen

Derlei Bedenken weist man im Washingtoner Energieministerium zurück. Erdbeben führten nur an der Oberfläche zu Schäden, nicht jedoch in 300 Metern Tiefe wie beim Yucca-Mountain-Projekt, heißt es. Dies habe man im März 1992 beobachten können, als der nahe gelegene Kleine Schädelberg von einem Beben der Stärke 5,6 auf der Richter-Skala erschüttert worden sei. „Im Berg ist nichts passiert“, betont eine Sprecherin des Energieministeriums.

Das Yucca-Mountain-Projekt ist das Herzstück der Atompolitik von Präsident George W. Bush. Parallel dazu will Bush die Nuklearenergie zügig ausbauen. Die meisten US-Kraftwerke sind alt: Der letzte Reaktor wurde 1987 in Arizona hoch gezogen. Bereits im ersten Jahr seiner Amtszeit hatte Bush den Entwurf eines Energiegesetzes vorgelegt, das den Bau von mehr als hundert neuen Atom-, Kohle- und Gaskraftwerken vorsah. Darüber hinaus sollte im Naturschutzgebiet von Alaska nach Öl gebohrt werden. Insgesamt wurden mehr als 30 Mrd. Dollar Subventionen für das Vorhaben veranschlagt. Doch die Opposition blockierte den Vorstoß im Kongress. Dort liegt der Entwurf immer noch auf Eis, obwohl die Republikaner das Finanzvolumen deutlich abgespeckt haben.

Der demokratische Präsidentschaftskandidat, John Kerry, lehnt das Yucca-Mountain-Projekt ebenso ab wie die Pläne des amtierenden Präsidenten zur Ölförderung in Alaska. Stattdessen will Kerry Milliarden Dollar für die Entwicklung alternativer Energiequellen wie Wasser, Wind und Sonne ausgeben. Sollte Kerry gewählt werden, kommt aber auch er an der Atommüllfrage nicht vorbei.

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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