Gerichtsentscheid ist Sieg für Juschtschenko
Demonstranten haben kaum noch Kraft für Jubel

Unter den Oppositionsanhängern in der Ukraine, die sich auch am Freitag wieder zu Zehntausenden in der ukrainischen Hauptstadt versammelt hatten, verbreitete sich die Nachricht von dem Gerichtsentscheid wie ein Lauffeuer. Zu ausgelassenen Freudenkundgebungen hatten sie am Freitag allerdings kaum noch Kraft.

HB KIEW. „Wir haben gesiegt“, ruft ein Mann in einer entlegenen Ecke der endlosen Zeltreihe auf Kiews Prachtmeile Kreschtschatik seinen Kameraden zu. Soeben hat das Oberste Gericht die Wiederholung der gefälschten Stichwahl um das Präsidentenamt angeordnet. „Gut“, entgegnet einer einfach mit einem kargen Lächeln. Das zwölftägige Ausharren in Schnee und Eis, mit dem sie die Staatsmacht in die Knie gezwungen haben, fordert seinen Tribut.

Langsam nur löst sich die Anspannung auf den Gesichtern. Hier und da zischt Feuerwerk in den diesigen Himmel über der ukrainischen Hauptstadt. „Juschtschenko, Juschtschenko!“-Sprechchöre flackern auf. Die Menge zieht zum Unabhängigkeitsplatz. Alles wartet auf den Oppositionskandidaten Viktor Juschtschenko, den Mann, für den sie tagelang in ihren kalten Zelten ausgeharrt haben und dem der Sieg nach der Wahlposse nun kaum zu nehmen sein wird.

In einem brodelnden Menschenkessel steigt die Stimmung im grellen Scheinwerferlicht schnell an. Zahllose Fahnen in den Oppositionsfarben Orange werden geschwenkt. Viele Anwesende stoßen triumphierend ihre geballten Fäuste in die Luft und fallen einander in die Arme.

„Mehr war nicht drin“, sagt ein Student aus der Westukraine. Die Maximalforderung der Opposition, Juschtschenko als knappen Gewinner der ersten Wahlrunde ohne weitere Abstimmung zum Sieger zu erklären, wurde von den Richtern abgeschmettert. „Jetzt dürfen wir nicht locker lassen!“, mahnt ein anderer. „Sie werden alles tun, um uns den Sieg noch zu nehmen.“ Die Abstimmung soll am 26. Dezember wiederholt werden. Die Situation des erst zum Sieger erklärten Regierungschefs Viktor Janukowitsch sei so hoffnungslos, dass er zu Provokationen greifen könnte, um die Lage zu destabilisieren, fürchten einige Demonstranten.

„Die viel wichtigere Frage ist jetzt, wie der Osten (der Ukraine) auf einen Sieg Juschtschenkos reagiert“, warnt ein Politologe im Kiewer Fernsehen. Der industriestarke Ostteil des Landes mit seinen mächtigen Stahl- und Kohlemagnaten hatte sich hinter Janukowitsch gestellt, radikale Anhänger drohten mit Abspaltung. Die Gegensätze zwischen der Ost- und der Westukraine, die Amtsinhaber Leonid Kutschma nahezu ein Jahrzehnt auszutarieren wusste, könnten sich mit einem Machtantritt des als reformistisch und prowestlich geltenden Juschtschenko dramatisch verschärfen, fürchten viele.

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